Eske Schlüters

Alles kann ein Bild von allem sein

Online Special
Alles kann ein Bild von allem sein

Als Ausgangspunkt für ihr polyphones Schreiben wählt Eske Schlüters einen Satz von Ludwig Wittgenstein: „Alles kann ein Bild von allem sein“. Es ist der Beginn eines philosophischen Nachdenkens, einer feministischen Re-Lektüre und eines Sprechens von möglichen und unmöglichen Bildern, von der Darstellung und dem Undarstellbaren.

 

Eine Montage aus Bildern und Texten

Eske Schlüters ist bildende und schreibende Künstlerin. Ihre künstlerische Praxis verbindet sie in dieser Arbeit mit einem philosophischen Schreiben, sodass eine Montage aus Bildern, eine Montage aus Texten entsteht. Solcherart reihen sich die Teile des Buches auch weniger als Kapitel, denn als Bilder aneinander, wenn es heißt: „‚Alles kann ein Bild von allem sein‘; Kann alles ein Bild von allem sein, ‚[s]olange es sich wie ein Bild ähnlich ist‘; Kann alles ein Bild von allem sein, sofern es als Bild gesehen werden kann?; Was kann alles ein Bild von allem sein? und Wie kann alles ein Bild von allem sein?“ In einer konsequenten Verflechtung von künstlerischer und wissenschaftlicher Annäherung, in der keine Trennung zwischen Theorie und Praxis vorgenommen wird, bekommt das künstlerisch-theoretische Schreiben einen neuen Klang. Leichtfüßig schreibt sich die Autorin dabei in den noch jungen Diskurs künstlerischer Forschung ein und erprobt diesen gleichzeitig. Die Montage dient dabei als Methode, das Arrangieren des „fremden“ und „eigenen“ Textmaterials wird zur künstlerisch-philosophischen Praxis, in der die Grenzen verschwimmen, wenn Schlüters die Frage nach der Beziehung von Darstellung und Dargestelltem stellt und diese mehrmals hin- und her wendet. Die Art, wie Schlüters die Zitate dabei anordnet und in ihren Text einflicht, erweckt den Eindruck, als würden Georgio Agamben, Hannah Arendt, Michail Bachtin, Karen Barad, Roland Barthes, Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Héléne Cixous, Gilles Deleuze, Jaques Derrida, Michel Foucault, Donna Haraway, René Magritte, Maurice Merleau-Ponty, Dieter Mersch, Gertrude Stein, Paul Valéry, Ludwig Wittgenstein uvm. in einen Dialog miteinander treten – und besonders auch in einen Dialog mit Eske Schlüters und einem selbst, als Lesenden. In einem Arrangement, das einem Bühnensetting gleicht, scheint die Anordnung konzeptionell an Auf- und Abtreten angelehnt, wenn die verschiedenen Dialogpartner:innen über die Zeit hinweg ins Gespräch miteinander zitiert werden. Sie ergänzen und widersprechen einander dabei, nicht ohne dass mitgedacht und mitverhandelt wird, wie das Wort sich verändert, wenn es aus dem Kontext genommen und in einen neuen Kontext, in eine neue Nachbarschaft, gestellt wird. Es ist eine Philosophie als Theater, indem die verschiedenen Stimmen sich stellenweise auch zum Schweigen bringen, wenn etwa Deleuze und Wittgenstein aufeinandertreffen. Es ist zugleich ein Spiel mit wissenschaftlichen Arbeitsweisen und Referenzsystemen. Jede zitierende Wiederholung schließt eine Dekontextualisierung und Rekontextualisierung ein. Die doppelte Autorschaft markiert Schlüters durch Anführungszeichen, über die sie mit Hélène Cixous schreibt: „Gerade hinsichtlich einer kritischen/feministischen/politischen Reflexion derjenigen Sprache, in die ‚man […] hineingeboren [wird]‘, die (zu) uns spricht und die ‚[uns] […] ihr Gesetz [diktiert]‘, sind Anführungszeichen eine Möglichkeit, ihr auf reflektierender Distanz zu begegnen und die ‚Wirkung von Bedeuten-Sollen, vom ›dies soll das heißen‹‘ zu unterlaufen, was immer die Bildung von nur einem Sinn zu Ungunsten eines möglichen anderen verlangt.“ (S. 22f.) Erstaunlich ist dabei, wie die Zitate aus unterschiedlichen Kontexten in diesem intertextuellen Verfahren scheinbar nahtlos zu einem neuen Text werden, in dem die Stimme der Autorin mal deutlicher, mal zurückhaltender herausklingt. Sich stellenweise zurücknehmend, um an anderer Stelle mit der eigenen Setzung wieder dringlicher hervorzutreten, gelingt es ihr, dass der Sprachfluss nie ins Leere führt und in seiner assoziativen Form nicht ausfranst, sondern vielmehr der Eindruck entsteht, dass die Autorin alle Fäden in Händen hält. Sie führt dabei durch ein gemeinsames Denken sowie ein gegeneinander Denken. Es ist ein In-Beziehung-Setzen, das sie vornimmt, wobei besonders gelungen jene Stellen sind, an denen Reibungsflächen entstehen.

 

Ein feinsinnig komponiertes Geflecht

Das feinsinnige und konzise komponierte Geflecht führt dabei immer weiter hinein in Fragen des Sehens und des Sichtbaren, des Träumens und der Repräsentation, der Bedingtheit, Aneignung und Ähnlichkeit. Es führt hinein, in Fragen der Übergänge und des Um-Schreibens. Oder in Hélène Cixous und Eske Schlüters Worten: „‚Zugegeben. Was mir wichtig ist, ist nicht das Erscheinungsbild, es ist das Übergehen, die Passage‘ und die damit einhergehende Überschreitung verschiedenster Bereiche durch deren Montage.“ (S. 147f). Dieses poetisch-philosophische Schreiben in Montagetechnik ist eines, auf das man sich einlassen muss. Ein Einlassen, wie ein Eintreten in ein Gespräch, das stellenweise unbequem werden kann. Ein Eintreten in eine Versuchsanordnung, in der Kontexte befragt und Zusammenhänge verschoben werden. „Und da schließlich ‚der Wandel das einzig Beständige [ist]‘ steckt jedes Bild wegen des ‚sich hierhin und dorthin Wenden[s], erst noch im Prozeß des Werdens‘: ‚Das Bild und seine Möglichkeit – […]. Das heißt, das Bild als Wert in einem System mit Variationen betrachten.‘ Alles kann ein Bild von allem werden“, schließt Schlüters gemeinsam mit Virginia Woolf und Paul Valéry. (S. 214)