Seit rund 15 Jahren zählt das Jahrbuch Dritte Welt zu den institutionalisierten Foren des entwicklungspolitischen Diskurses im deutschsprachigen Raum. Es liegt nahe, daß die gegenwärtige Krise gesellschaftskritischer und dependenztheoretischer Ansätze bei der Analyse von Nord-Süd-Fragen den Tenor zahlreicher Beiträge der neuesten Ausgabe prägt. Gleich zwei Artikel beschäftigen sich explizit mit der Kritik an der traditionellen Entwicklungshilfe. Unzeitgeistig argumentiert vor allem Mitherausgeber Stefan Brüne gegen deren Reduktion auf Wirtschaftsförderungspolitik und plädiert für eine zwar reformierte, aber an den Grundbedürfnissen der Menschen orientierte Entwicklungshilfe im Sinne internationaler Sozialpolitik. Den Phänomenen des ”ethno-Nationalismus" und ethnisch motivierter Kriege widmet sich ein weiterer überregionaler Beitrag. Unter der Rubrik "Aktuelle Entwicklungsprobleme " werden zum einen die Perspektiven des erweiterten Einsatzes des Internet in der" Dritten Welt" erörtert. Zum anderen resümiert ein Beitrag ein Forschungsprojekt zum Thema" Demokratie und Wahlen in Afrika und Lateinamerika ". Die Problematik von Demokratieindikatoren, die vorrangig auf Fragen des Parteienwettbewerbs abzielen, wirtschaftliche, soziale und Menschenrechtsfragen in einem weiteren Sinne aber negieren, wird dabei deutlich: Während Kuba, ein schon traditionelles Feindbild westlicher Eliten, auf einer Skala von 0 bis 10 an letzter Stelle erscheint (0 Punkte), findet sich beispielsweise Brasilien, in dessen Gefängnissen nach Berichten der internationalen Presse Folterungen auf der Tagesordnung stehen und den Insassen kaum einen Quadratmeter Platz in den hoffnungslos überbelegten Zellen zugestanden wird, wo die indigene Bevölkerung im Amazonas-Tiefland in ihren elementarsten Rechten beschnitten wird und die sozialen Gegensätze krasser nicht ausfallen könnten, als vollentwickelte Demokratie (10 Punkte). Informativ und ansprechend aufbereitet sind die einzelnen Regionalbeiträge (zu Malawi, Eritrea, Libanon, Iran, Vietnam, China, Bangladesch, Paraguay und Mexiko): Politikgeschichtliche Abrisse leiten die jeweiligen Artikel ein, einer knappen Skizze aktueller Entwicklungen folgen perspektivische Überlegungen. Die analytische Qualität, die in diesen Regionalbeiträgen zum Ausdruck kommt; geht in der abschließenden Rubrik "Aktuelle Süd-Süd-Ereignisse", der ein wenig der Charakter des Deskriptiven und Kursorischen eignet, verloren. Eine Chronik der wichtigsten "Dritte-Welt-Ereignisse 1995/96" und ein Gesamtregister der Jahrgänge 1983-1997 beschließen den Band. G. S.

Jahrbuch Dritte Welt 1997. Daten, Übersichten, Analysen. Hrsg. v. Joachim Betz ... München: Beck, 1996. 320 S.