Mehrere gesellschaftliche Trends kommen zusammen, um vor allem in westeuropäischen Städten den Wunsch und Bedarf sowie die Möglichkeiten für selbstorganisiertes, gemeinschaftliches und nachhaltiges Wohnen spürbar und Realität werden zu lassen. Der lange schon zu beobachtende Trend zur Individualisierung, der demografische Wandel, die Änderung von Familienstrukturen und Erwerbstätigkeit, und Veränderungen wirtschaftlicher Rahmenbedingungen führten in den letzten Jahren in manchen großen Städten zu einem deutlichen Anstieg von alternativen Wohnprojekten.

 

In dem vorliegenden Buch werden kurz die historischen Bezugspunkte und kulturellen Kontexte genannt für solche Phänomene, doch den Schwerpunkt bilden hier die neun Praxisbeispiele von CoHousing. Sie stammen aus Amsterdam, Basel, Berlin, Brüssel, Kopenhagen, Mailand, Stockholm, Tübingen und Wien.

 

Im einleitenden Kapitel skizzieren die Herausgeber um Michael LaFond in knappen Linien die wesentlichen Merkmale dieser Thematik. Dabei definieren sie „CoHousing“ in ideeller Weise: „Die Bewohnenden von CoHousing-Projekten gestalten Gemeinschaft, fördern die nachbarschaftlichen Beziehungen über ihre eigenen Wände hinaus und tragen so zur Entwicklung ihrer Städte bei. Sie experimentieren mit ökologischen Bauweisen und verbrauchen durch Teilen weniger Ressourcen. Sie verbinden Generationen, schaffen integrative Wohnräume und neue, attraktive Lebensqualitäten.“ (S. 16) Die Kapitel werden durchzogen von einem ganzheitlichen Denken und entsprechend einfühlsamen und reflektierten Formulierungen. Da wird beispielsweise gleich eingangs auch die Skepsis aufgegriffen und erörtert, dass je nach lokalem Kontext und der jeweils vorherrschenden Wohnpolitik und den Eigentumsstrukturen solche in vielen Hinsichten anspruchsvollen Projekte auch zur „Gentrifizierung“ beitragen können. Gerade auch nach Lektüre der konkreten Beispiele erscheint dies aber eine eher geringe Gefahr im Vergleich zu den zahlreichen Positivpunkten sowie dem neoliberalen Mainstream.

 

Die durchweg konzisen Kapitel über die neun CoHousing-Beispiele sind jeweils in drei Teile gegliedert: eingangs sind die wesentlichen Eckdaten eines Projektes in einem „Profil“ dargestellt: die Besonderheiten, Rechts- und Eigentumsform, Gebäudetyp, Zeitraum der Projektentwicklung, Anzahl der Bewohnenden und Wohnungen, Art und Größe der Gemeinschafts- und sonstigen Flächen sowie Mietpreise und gesamte Projektkosten. Danach folgt eine mehrseitige Beschreibung des Projektes samt Fotos. Und drittens äußern sich ausgewählte Mitglieder dieser Projekte in persönlichen Stellungnahmen zu ihren Motivationen, Erlebnissen und Erfahrungen. Die Projektbeschrei- bungen beziehen sich auf Fragen wie die nach den jeweiligen Charaktermerkmalen, die langfristige Organisierung und deren Beitrag zu einer nachhaltigen Stadt- und Quartiersentwicklung, die unterstützenden Kontextfaktoren (wie z.B. die Rolle von Politik, Verwaltung, Stiftungen, Banken, Zivilgesellschaft), die Motive der dabei engagierten Bürgerinnen und Bürger, die zentralen inhaltlichen Aspekte der Projekte.

 

Basis für diese Veröffentlichung ist ein supranationales Netzwerk von Akteuren in dem Themenfeld „CoHousing“, die sich seit Jahren treffen und Erfahrungsaustausch betreiben. Dabei engagieren sich Bewohnende, WohnexpertInnen und Aktive aus den Bereichen Architektur, Verwaltung und Wohnungsbau. Eine der treibenden Kräfte ist „id22- Institut für kreative Nachhaltigkeit“, die sich kultureller Nachhaltigkeit widmen. In ihrem Verständnis beginnt dies bei den Menschen und ihren lokalen Bezügen mit ihren jeweiligen „Kulturen, Ressourcen, Interessen, Herausforderungen und Träumen“. Dazu gehören auch Demokratisierungs- und Beteiligungsprozesse und langfristiges Denken und Vorsorgen. „Dies verbindet Open-Source-Urbanismus mit sozialer Gerechtigkeit, ökonomischer Entwicklung und ökologischer Balance.“ (S. 20)

 

Aufgrund des emanzipatorischen und gesellschaftsgestaltenden Anspruches wurde von den Beteiligten auch ein „CoHousing-Manisfest“ erarbeitet und ist in dem Buch vorgestellt, denn CoHousing entwickelt sich nicht von allein, sondern muss organisiert werden. Dabei handelt es sich um zehn Vorschläge zur besseren Unterstützung von CoHousing-Initiativen und der damit einhergehenden nachhaltigen Stadtentwicklung.

 

Sämtliche Texte sind sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache abgedruckt, die Gestaltung des Buches ist durchweg sehr ansprechend und gelungen, durch die 120 Fotos und grafische Elemente wird es aufgelockert. Unter dem Motto „Aktiv werden“ sind die Kontaktdaten der vorgestellten Projektbeispiele sowie Veröffentlichungen und weitere Empfehlungen angegeben. Für diese Thematik ist das kleine Buch ein Fundus und mag für zahlreiche Leserinnen und Leser womöglich der letzte Anlass sein, sich endlich auch mit derartigen Wohnmodellen auseinander zu setzen und sogar an einem solchen mitzuwirken oder es zu unterstützen. E. G.

 

 

 

 CO Housing Cultures. Handbuch für selbstorganisiertes, gemeinschaftliches und nachhaltiges Wohnen. Hrsg. v. id22 – Institut für kreative Nachhaltigkeit. Berlin: jovis-Verl., 2012. 208 S., € 25,- [D], 25,75 [A], sFr 35,- ; ISBN 978-3-86859-148-4