Diese Bedeutung des Christentums für die Entwicklung "westlicher Ideen" ist - wenn man so will - auch Teil der Geschichte von Gott. Wie schon Hans Joas in seinem Buch "Sind die Menschenrechte westlich?" (Pro Zukunft 3/2015) festhielt, kann man dabei aber nicht nur von einer christlichen Geschichte reden. Im sogenannten "Achsenzeitalter" (8. bis 2. Jahrhundert vor Christus) wird mit der Idee der Transzendenz eine scharfe quasi-räumliche Trennung zwischen dem Weltlichen und dem Göttlichen vorgenommen. Das Göttliche sei nun das Eigentliche, das Wahre, das ganz Andere, dem gegenüber das Irdische nur defizitär sein könne. Diese Idee sei mit einem Gotteskönigtum nun nicht mehr vereinbar, eine neue Form der Herrschaftskritik wurde möglich.

Karen Armstrong hat auf 656 Seiten "Die Geschichte von Gott" zusammengefasst. Sie berichtet über 4000 Jahre Judentum, Christentum und Islam. Die Autorin war von 1962 bis 1969 sieben Jahre lang katholische Ordensschwester, bevor sie ihren Orden verließ und an die Universität Oxford ging. Karen Armstrong zählt zu den renommiertesten ReligionswissenschaftlerInnen. In dem Buch berichtet sie über die Anfänge des Gottglaubens, den Monotheismus, den Beginn des Judentums, Christentums, des Islam. Sie sucht den Gott der Philosophen, der Mystiker und der Reformer. Schließlich erzählt sie von den Versuchen der Menschen, Gott für tot zu erklären, seine Nicht-Notwendigkeit zu sehen oder ihn zu ersetzen durch andere Erzählungen. Der historische Abriss stellt ein gut lesbares Nachschlagewerk dar, das auch durch einen Kartenteil unterstützt wird.

Im letzten Kapitel stellt Armstrong die Frage "Hat Gott eine Zukunft?" Sie nimmt zur Kenntnis, dass es gute Gründe gäbe, im wissenschaftlichen Zeitalter atheistisch zu leben.

Sie setzt sich auch mit dem Fundamentalismus auseinander. "In Wahrheit ist diese Art der Religiosität (...) ein Rückzug von Gott. Wenn von Menschen gesetzte, zeitgebundene Werte wie 'die Familie', 'der Islam', oder 'das gelobte Land' zum Mittelpunkt religiösen Eifers gemacht werden, ist das eine neue Form der Abgötterei. Diese Art von kämpferischer Rechtschaffenheit war in der langen Geschichte Gottes eine ständige Versuchung für die Monotheisten. Dies ist der falsche Weg." (S 583) Für sie ist die Option Gottes in Zukunft abhängig davon, ob es gelingt, die Leere und Trostlosigkeit, die nach Armstrongs Auffassung in modernen Gesellschaften bestünde, mit einem kraftvollen neuen Glauben zu füllen. (S. 594).

Armstrong, Karen: Die Geschichte von Gott. 4000 Jahre Judentum, Christentum, Islam. München: Droemer, 2012. 656 S., € 26,95 [D], 27,80 [A] ISBN 978-3-426-30074-9