Grüne Martwirtschaft oder Transformation des KapitalismusWie kommt es zum Wandel? Der Sozialwissenschaftler Carsten Kaven hat vier zentrale Autoren und deren Pfade zur Nachhaltigkeit analysiert: Martin Jänickes Weg der „Ökologischen Modernisierung“, Jeremy Rifkins „Dritte Industrielle Revolution“, Elmar Altvaters Übergang zu einem „Ökosozialismus“ sowie Chandran Nairs Perspektive einer staatlich gelenkten Ressourcenökonomie jenseits des Konsumkapitalismus. Alle vier Autoren sehen die Weltwirtschaft bzw. das westlich-kapitalistische Wirtschaftsmodell an einem Scheideweg, wobei als zentrale Faktoren auch hier der Klimawandel und die Ressour- cenverknappung ausgemacht werden. Für Jänicke ist das herkömmliche Wachstumsmodell an ein Ende gekommen; grüne Technologien würden das Wirtschaften verändern, aber auch das Wachstum abbremsen. Altvater sieht das Wachstumsparadigma im Kapitalismus eingeschrieben; er prognostiziert daher eine sich weiter zuspitzende Transformationskrise, die zu sozialen Revolten führen werde und neue Modelle mit stärkerer Marktplanung nötig mache. Nair hat insbesondere Asien im Blick und geht davon aus, dass die Ressourcen für eine Kopie des westlichen Wachstumsmodells nicht reichen werden und nur eine kleine Konsumentenschicht davon profitieren würde. Rifkin scheint am optimistischsten zu sein: Auch er sieht den Wendepunkt in den sich verknappenden Ressourcen, insbesondere des Erdöls, einer „elitären Energie“, die den mächtigsten Volkswirtschaften am längsten zur Verfügung stehen werde, wenn auch zu bedeutend höheren Kosten. Länder nachholender Entwicklung, aber auch die Volkswirtschaften der reichen Länder seien gut beraten, den Übergang ins postfossile Zeitalter in den nächsten 50 Jahren zu schaffen. Er hofft auf Digitalisierung und Dezentralisierung in einer stärker „kollaborativen Ökonomie“.

Transformation der vielen Schritte

Kaven gibt eine gute Zusammenfassung aller Positionen und deren Stärken und Schwächen. Seine These: Sowie das Bild eines Scheidewegs bzw. – im Sinne der Chaosforschung – einer Bifurkation in die Irre führe (da Übergänge fließend sein können), gäbe es nicht den einen Kapitalismus. Wenn der finanzgetriebene Rentenkapitalismus von heute überwunden werden kann, böten sich – so der Autor – durchaus Chancen auf dessen Wandel. Und wenn Rifkins neues Energieregime in Verbindung mit neuen Technologien tatsächlich Fuß fassen würde (ähnlich der ökologischen Modernisierung von Jänicke), würden soziale Verwerfungen (wie sie Altvater prognostiziert) ausbleiben, neue Bewegungen ins System integriert werden. In den Bick zu nehmen seien vorhandene materielle Infrastrukturen wie Straßennetze, Pipelines, Energiemultis, aber auch immaterielle Infrastrukturen wie Einstellungen, Denkweisen und Kulturmuster, die dem Wandel entgegenstehen können, so Kaven. Und doch sei beides veränderbar. Wie überhaupt aus allen beschriebenen Ansätzen wertvolle Elemente zur Transformation zu gewinnen seien.

Der Autor plädiert zusammenfassend für den jeweiligen Kontexten angepasste Strategien, die, gespeist aus dem ökologischen Imperativ, die Perspektive des „guten Lebens“ als Realutopie in den Mittelpunkt stellen. Marktlösungen würden dann verbunden mit stärkeren staatlichen Eingriffen, Elemente der Selbstorganisation mit neuen kulturellen Leitbildern vom „guten Leben“, dezentralisierte Versorgungsstrukturen mit globaler Vernetzung. Kaven geht pragmatisch an die Frage des ökologischen Wandels heran und er benennt auch, dass dieser Verlierer haben werde – große Energiekonzerne, Automobilhersteller, die den Umstieg auf neue Antriebe verpassen, oder die industrielle Landwirtschaft. Doch Veränderung sei immer mit Widerstand und einem zähen Ringen verbunden gewesen: „Innerhalb kapitalistischer Verhältnisse sind alle Schritte der Emanzipation dem mühsamen Ringen sozialer Bewegungen zu verdanken. Warum sollte es heute anders sein, wo mächtige Interessen großer Unternehmen betroffen sind?“ (S. 193)    Hans Holzinger  

Bei Amazon kaufenKaven, Carsten: Transformation des Kapitalismus oder grüne Marktwirtschaft? Pfade zur Nachhaltigkeit bei Altvater, Jänicke, Nair und Rifkin. München: oekom, 2015. 207 S. € 22,95 [D], 23,60 [A] ISBN 978-3-86581-750-1