Hier geht es um die, Frage, ob kommende Generationen und einzelne Ungeborene Rechtsanspruche gegenüber der Gegenwart haben. Vom juristischen Standpunkt aus wurde dies bisher bestritten: "Etwas nicht Existierendes könne per se kein Rechtsträger sein." Lenk betrachtet das Recht der Zukunft nicht nur unter juristischen, sondern auch moralischen Prämissen. Setzt man die Existenz eines Naturrechts überhaupt voraus, so kommt er zu dem Schluß, daß "künftige Generationen ein bedingtes Recht auf eine relativ unversehrte Umwelt" haben. Um juristisch diese bedingten oder Quasirechte wahrnehmen zu können, schlägt der Autor einen Ombudsmann der Zukunftgerichtetheit vor.

Bei all unseren Rechten und Pflichten handelt es sich um interpretationskonstruktive Zuschreibungen, "die von Setzungsakten, geltenden Normenregelungen und wertmäßigen Deutungen sowie Zuschreibungen abhängig sind". Es gibt im Rechtssystem auch nicht aktuell einklagbare Reflexrechte oder Programmrechte, etwa das "Recht auf Arbeit". Entsprechend dieser Überlegung könnten künftigen Generationen auch hypothetische Rechte zugesprochen werden. Ein anderer Aspekt ist das Problem der Gerechtigkeit zwischen den Generationen.

Gemeint ist damit ein verbindlicher Kodex, der die gegenwärtige Generation an Grundsätze bindet, die die Gerechtigkeit zwischen Menschen aus verschiedenen Epochen definiert. Im Großen und Ganzen handelt es sich aber um moralische Forderungen, "die sich aus der Integrität und Weiterexistenz der Menschheit" ergeben. Wenn auch keine Pflicht besteht, Nachkommen zu haben, so gibt es doch eine "Gesamtverpflichtung der Menschheit, die Gattung nicht aussterben zu lassen. Rechtlich kann sich das jedoch nicht in kodifizierbaren Einzelansprüchen niederschlagen.

Ob der "Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit" (A. Kluge) durch Rechtsnormen zu stoppen wäre, ist fraglich. Zweifellos gilt für jedes (menschliche) Wesen das Recht, "in einer Umwelt zu leben, die nicht über eine bestimmte Unschädlichkeitsdosis hinaus (...) verschmutzt ist“.

Lenk, Hans: Welches Recht haben kommende Generationen auf Atemluft? Philosophische Gedanken über das, was wir an Moral und Verantwortung der Zukunft schulden. In: Frankfurter Rundschau. 1988, Nr. 230 v. 3.10., S. 6.