"Wir haben ja auch in unserem Gespräch festgestellt, daß da einerseits die freundlichen Gesten sind, Dinge, die auf der Tagesordnung stehen - wechselseitige Besuche, subventionierte Jugendaustauschprogramme -, andererseits aber doch eine merkwürdige und nahezu irrationale Distanz bleibt. Wobei mir auffällt, daß das Bedürfnis der Deutschen, mehr von Frankreich zu wissen, größer ist als umgekehrt. Dieses Resümee von Günter Grass über die Beziehung zwischen Franzosen und Deutschen am Ende des Gesprächs mit der bekannten französischen Journalistin (von 1974 bis 77 war sie auch Staatssekretärin für Frauenfragen und Kultur) Francoise Giroud spiegelt sich im ganzen Buch. Beide haben den zweiten Welt- . krieg erlebt, ihr Vater ist als Soldat durch die Deutschen umgekommen. Günter Grass hat von 1956 bis 1960 in Paris gelebt und es wird deutlich, daß er besser über Frankreich informiert ist als Giroud über die Bundesrepublik, von der sie teilweise recht klischeehafte Vorstellungen hat. In den Streitgesprächen über die historischen Entwicklungen der beiden Staaten und die Zukunft Europas wird die unterschiedliche politische Position deutlich, wobei sich Grass zur Sozialdemokratie bekennt, Giroud eine eher bürgerliche Position einnimmt. Die Einstellungen der beiden Intellektuellen in Bezug auf Ökologie, Umweltschutz und die Rechtsradikalen spiegelt das Klima beider Länder im Jahr 1987. Giroud kann sich mit den Grünen und ihren Zukunftsängsten nicht identifizieren, die inzwischen auch in Frankreich erfolgreich sind, während andererseits Grass das Problem des Rechtsradikalismus in Frankreich ortet, das mittlerweile auch in der Bundesrepublik zentral geworden ist.

Giroud, Francoise; Grass, Günter: Wenn wir von Europa sprechen. Ein Dialog. Frankfurt: Luchterhand, 1989. 185 S.