Am Anfang steht das Szenario einer "Ein-Drittel-Gesellschaft": Durch die elektronisch-technische Revolution und fortschreitende Rationalisierungen wird auf gesamtgesellschaftlicher Ebene Arbeitszeit freigesetzt. In der Folge werden bisher nicht von der Ökonomie erfaßte Tätigkeiten einer Warenbeziehung unterworfen. Einer immer größer werdenden Zahl von Ausgegrenzten, die keine Arbeit im Sinne von "Erwerbsarbeit" haben. stehen immer weniger Privilegierte gegenüber, die die gesellschaftlich notwendigen, qualitativ hochwertigen Arbeiten verrichten, und damit zunehmend an ökonomischer und politischer Macht gewinnen. Eine dritte Gruppe führt "untergeordnete" Tätigkeiten aus, für diejenigen, die es sich leisten können. Dieser Prozeß einer "gewaltigen sozialen Regression" führt zum Entstehen einer neuen „Dienstbotenklasse“.

Ausgehend von dieser Analyse wirft Gorz Fragen nach dem Sinn der Arbeit in einer Gesellschaft auf, in der ”Arbeitsideologie" als moralische Pflicht anachronistisch geworden ist. Er spannt dabei den Bogen von den historischen Metamorphosen der Arbeit" über die Kritik der ökonomischen Vernunft" bis hin zu Vorschlägen und Perspektiven Kernstück ist zweifellos die Definition und Abgrenzung unterschiedlicher Tätigkeiten, die "Grenzen der ökonomischen Rationalität" aufzeigen sollen. Für Gorz ist zusammenfassend der Ausbau "autonomer Tätigkeiten" der eigentliche Sinn gesellschaftlicher Arbeitszeitersparnis. Als Beitrag zu selbstbestimmter Arbeit schlägt er Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich so "wie flexible Arbeitszeit vor. Als politisches Umsetzungsinstrument sieht er neben den neuen sozialen Bewegungen v.a. Gewerkschaften, die über den engen Bereich der Erwerbsarbeit hinaus wieder gesellschaftliche Funktionen verstärkt wahrnehmen.

Gorz bietet Zündstoff für Kapitalismus-Apologeten und für marxistische Analytiker. Unbeantwortet läßt er bedauerlicherweise die Frage nach den weltweiten Produktionsverlagerungen z. B. in die Dritte Welt. Den zu erwartenden Repliken darf man gespannt entgegensehen.

 

Gorz, André: Kritik der ökonomischen Vernunft. Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft. Berlin: Rotbuch-Verl., 1989. 388 S. (Rotbuch Rationen).