Editorial aus der ProZukunft-Ausgabe 3/1997

Als während des vergangenen Sommers schier unerschöpfliche Wassermassen den Wällen des Oderbruchs beständig zusetzten, wurde uns die Problematik zivilisatorischer Grenzziehung auf geradezu sinnfällige Weise vor Augen geführt. Bis zur Erschöpfung standen zahllose Helfer im Einsatz, um angesichts steigender Pegelstände Schlimmeres zu verhindern und zu retten, was noch zu retten blieb. In vielfacher Hinsicht - dies macht in besonderer Weise der zu Beginn dieser Ausgabe vorgestellte Titel "Grenzen-los?" deutlich - steht uns allen das Wasser bis zum Hals. Es kann jedoch nicht darum gehen, an der vielbeschworenen "Festung Europa" in kollektiver Anstrengung die Gräben auszubauen. Auch die auf Tempobeschleunigung setzende Aufbruchstimmung, wie sie Bundespräsident Roman Herzog in seiner viel beachteten Berliner Rede den Bürgern ans Herz legte, scheint "Patient Europa" auf lange Sicht eher dem Kollaps entgegenzutreiben als zu dessen Genesung beizutragen. Zwei Befunde - Realität schon der eine, begründete Sorge der andere, und beide dem oben genannten Buch entnommen - mögen diese Einschätzung stützen: "Real und netto", so berichtet Peter Hennicke, Energieexperte am Wuppertal Institut, sind [in Deutschland] zwischen 1980 und 1993 die Gewinne um etwa 190 Prozent, die Löhne hingegen nur um acht Prozent gestiegen". Dennoch, so sein niederländischer Kollege Wouter van Dieren, wissen wir, dass der Wohlstand weltweit seit Jahren nicht mehr wächst. Setzen wir den Crashkurs ökonomischer Globalisierung unbeirrt fort, so wird vielmehr die Zahl der Arbeitslosen in Europa von derzeit etwa 38 Millionen in nur fünf Jahren auf mehr als 80 Millionen ansteigen. Soll „Globalisierung“ nicht zum „Unwort der Jahrhundertwende werden“ (Hennicken), so gilt es, einen entfesselten Kapitalismus entschieden und wirkungsvoll in die Schranken zu weisen. In einem von Hans-Peter Dürr im Namen des Vorstands der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) gezeichneten offenen Brief an Roman Herzog wird denn auch vor einer Vision gewarnt die „letztlich nur das verkündet und verlangt, was gegenwärtig konkurrenz- und innovationstoll ohne Rücksicht auf Verluste sozialer und ökologischer Art global ohnehin geschieht. Gerade eine wohlbedachte (...) Politik", so die VDW, "die Gefahren und negative Effekte einer solch einseitigen Ausrichtung zur Kenntnis nähme, dürfte mittelfristig [nicht nur, W Sp.] dem Standort Deutschland ungleich mehr helfen als kurzsichtiges, atemloses Mitrennen um fast jeden Preis". Wie also sollen - um mit Anthony Giddens (vgl. Nr. 291) zu fragen -, wie wollen wir leben? Werden die "Kinder der Freiheit", wie Ulrich Beck dies hoffnungsvoll annimmt, selbstbestimmt Mittel und Wege finden, um nicht nur für sich selbst tragfähige Alternativen zum Status quo zu entwickeln? Wird es gelingen, die Vorzüge der Informationsgesellschaft zur Weiterentwicklung der Demokratie zu nutzen oder wird, wie Bernd Guggenberger (vgl. Nr.304) dies nicht ohne Grund annimmt, "der Eintritt ins digitale Nirwana der Ortlosigkeit" den Abschied von Menschen und Dingen, von Orten und Landschaften, von Politik und Gesellschaft, aber auch von Herkunft und Zukunft bedeuten? Zweierlei gilt es vor allem in den Blick zu nehmen, wenn die Vision gelingenden, glücklichen Lebens (nicht nur in Europa) Realität werden soll. Wir sind gefordert, dem so reichlich vorhandenen Orientierungswissen konkrete Schritte der Umsetzung folgen zu lassen. Dazu bedarf es einer in den wesentlichen Zukunftsfragen konsensual gestalteten Politik des Rechts. Denn wenn nicht, wie Peter Hennicke es formuliert, "die Herrschaft der Märkte zur Politik erhoben werden soll, sondern die Herrschaft über die Märkte, das Primat der Politik und die vorsorgende Politik wieder in den Vordergrund gestellt werden, dann muss Recht Grenzen setzen". Darüber hinaus gilt es - in einer beeindruckenden Rede an seiner Alma mater hat dies kürzlich Leo Truchlar, Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät in Salzburg, dargelegt - in unserer Gesellschaft die Frage nach dem Wert von Kultur und Bildung neu zu stellen und darüber "von der Politik einen öffentlichen Diskurs einzufordern". "Unsere Kultur und Lebensart, wenn ihnen die Eigenart 'human' zugesprochen werden kann, wären folglich vom Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis ebenso geprägt wie von der Realisierung imaginärer Entwürfe - als den Fundamenten des Verstehens, Erklärens und Deutens unserer zeitgenössischen Wirklichkeiten, aber auch vergangener und zukünftiger Weiten." Ich meine, dass vor allem Europa angehalten ist, dieser Herausforderung nachzukommen. Es gilt, Grenzen wie Perspektiven immer wieder von neuem zu erkunden und eher ein Haus der kritischen und selbstkritischen Fragen einzurichten als eines der vorschnellen und oft zu kurz greifenden Antworten. Walter Spielmann