Das vom Autorenduo Narr/Schubert entworfene Zukunftsszenario sieht beklemmend aus: Wo der Weltmarkt den Ton angibt, verlieren die Nationalstaaten und die von ihnen geschaffenen Institutionen an Bedeutung. Die sozialen Zusammenhänge der alten Industriegesellschaft werden zerstört, Vereinzelung und Konkurrenz treten noch stärker hervor, der neue Wohlstand kommt nur wenigen zugute, die große Mehrheit wird davon ausgegrenzt.

Die für die globale Vermittlung notwendige Geschwindigkeit verliert ihr "humanes Maß". Die technologisch ermöglichten Sprünge verstärken "die Hilflosigkeit der Menschen und machen sie unfähig, sich selbst zu organisieren". Auch die Zeit der Nischen und Sonderwege ist vorbei: "Wer im Abseits steht, wird streng bestraft". Die Rede ist vom "Markt ohne Marktplatz", von der "ökonomisch-politischen Weltolympiade" und deren Motto "Bereit sein ist alles", das nationalstaatliche Politik vor den multinationalen Konzernen, den "nicht-institutionalisierten Institutionen", in die Knie zwingt. Die globalen Bedrohungen würden zwar - so die Autoren weiter - anerkannt und ihre Abwendung zur Aufgabe der Politik erklärt. Doch Politik "als Teilnahme ermöglichender, prinzipiell durchsichtiger, in ihren Effekten zuschreibbarer und somit verfassungsgemäß verantwortbarer Prozeß" hat ausgespielt und wird vollends zum "Ritual".

Doch wo liegt der Ausweg? Dem Projekt "Globaler Bürger" wie diversen Weltstaatsmodellen, die der Globalisierung der Wirtschaft mit jener der Politik antworten, erteilen Narr und Schubert eine klare Absage. Denn: Gesellschaft habe mit Geselligkeit zu tun. So brauche es "den direkten Umgang von Menschen mit Menschen, um sie selbstbewußt und handlungsfähig werden zu lassen". Die globale Welt werde von ihren Bürgern "niemals als eine von ihnen mitgeschaffene, mitbestimmte und durch konkrete Lebenserfahrungen geformte" wahrgenommen.

Und die auf uns zukommende Informationsgesellschaft, wird sie die Lösung bringen? Wer sorgt dafür, "daß die Informierten in die Lage versetzt werden, die Informationen zu verstehen ... , daß aus dem möglichen Informationsgewinn ein Teilnahme- und Handlungsgewinn wird", sind die Autoren auch hier skeptisch. Also was dann? Die Berliner Politikwissenschaftler plädieren für eine" radikaldemokratisch föderal organisierte Welt" und - auf die Bundesrepublik gewendet - für eine “Verfassungsreform an Haupt und Gliedern", der es darum geht "die sozialen Räume neu zu vermessen und neu einzuteilen". Radikale Dezentralisierung und direkte Demokratie in "lokaler Praxis" als" Widerlager" zum globalen Markt - so die Forderungen dieses nicht nur wegen seiner sprachlichen Brillianz lesenswerten Bandes, der es versteht, der zunehmenden Globalisierung jenseits gefährli-  cher Volkstümelei gegenzusetzen.  ein Plädoyer für das "Lokale"

 H.H.

Narr, Wolf Dieter; Schubert, Alexander: WeItökonomie. Die Misere der Politik. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1994.281 S. DM 19,80/sFr 20,80/öS 155