„So notwendig differenzierte Kritik am ‚Hyperkapitalismus’, an seinen Institutionen und Akteuren ist: ohne konkrete Reformalternativen, ohne Nah- und Fernziele, ohne fundamentale Demokratisierung bleibt sie abstrakt, letztlich demotivierend und demobilisierend.“ Damit begründet das Redaktionsteam das knapp mit „Zukunfts-Perspektiven“ umschriebene Motto sowie die Beitragsauswahl für die vorliegende 40. Jubiläumsausgabe der in Zürich erscheinenden Halbjahresschrift “Widerspruch“.

„Ursprung ist das Ziel“   unter Bezugnahme auf dieses von Karl Kraus und Walter Benjamin übereinstimmend geäußerte Zitat, wohl aber auch in gut schweizerischer Tradition und gegen den Totalitarismus jederweder Form von „Weltrepublik“ sowie die allseits sprießende Tendenz der Degradierung der Politik zu einem „Dienstleistungsunternehmen der Wirtschaft“ (S. 6) gerichtet, plädiert Arno Künzli im einleitenden Beitrag für eine Neubelebung der politischen Demokratie wie der Wirtschaftsdemokratie auf der Ebene der Kommunen und freien Assoziationen. Dass globale Regelungen notwendig und auch möglich sind, zeigt in der Folge Elmar Altvater mit Vorschlägen zur Stabilisierung des internationalen Finanzsystems, wobei er neben der diskutierten Tobinsteuer auch Reformvorschläge des ‚Financial Stability Forum’ wie regionale Finzanzmärkte, härtere Eigenkapitalvorschriften, bessere Banken-, Börsen- und Versicherungsaufsichten sowie eine Mitverantwortung der Kreditgeber, z.B. durch eine Kreditversicherung referiert (Näheres s. a. www.fsforum.org). Als problematisch macht Altvater die im Interesse der Anleger festgesetzte Höhe des Zinsniveaus über den realen Wachstumsraten der Wirtschaften aus, was Schuldner(länder) bzw. deren Bevölkerungen in die Krise treibt. Dass die von Jeremy Rifkin beschriebene „schwerelose Ökonomie“ (s. PZ 4/2000) nicht nur Folge der neuen Informationstechnologien, sondern auch einer neuen „feudalen Arbeitsteilung“ zwischen Nord und Süd ist, macht André Gorz in seiner kritischen Rezeption der Rifkinschen Thesen an Firmen wie Nike sowie der Vermarktung des Wissens durch Softwarefirmen deutlich.

Weitere Beiträge sind anderen Formen des Wirtschaftens gewidmet. Mascha Madörin skizziert die Bedeutung der sogenannten „Care Economy“, die mit Versorgungswirtschaft nur schlecht übersetzt werde, da es sich hier um bezahlte und nichtbezahlte Tätigkeiten des „Sich-Kümmerns“ und „Sorgens“ um andere Menschen handle. Sie schätzt, dass selbst in unseren Dienstleistungswirtschaften noch 80 Prozent der personenbezogenen Dienste in Haushalten – und dies mehrheiltich von Frauen   erledigt werden. Sozialgenossenschaften als Möglichkeit selbstorganisierter Hilfe (Burghard Flieger), Diskussionen über partizipatorische Planung und Sozialisierung des Marktes im angelsächsichen Raum (Meinhardt Creydt) sowie Reformperspektiven für die Gewerkschaften (Andreas Rieger, Dan Gallin) sind weitere Themen des Bandes. Ökologische Fragen werden durch eine Ethik der Nachhaltigkeit als Chancengleichheit (Mohssen Massarat), durch Perspektiven einer anderen Energiepolitik für Europa (Michael Müller) sowie durch kritische Anmerkungen zur (gescheiterten) Ökosteuer in der Schweiz aufgegriffen. H. H.

Zukunfts-Perspektiven. Widerspruch 40 (2001) 208 S. DM/sFr 25,- / öS 180,-(Bestellung: WIDERSPRUCH, PF, CH 8062 Zürich, Tel./Fax. 01/273 0302,  redaktion@widerspruch.ch)