Je nach herrschendem Zeitgeist hat der utopische Gedanke entweder ausgedient – Hans Magnus Enzensberger sprach sich beispielsweise für einen „Alltag ohne Propheten“ aus –, oder, wie es derzeit aussieht, wiederum Konjunktur. Die hier versammelten Reden und Aufsätze gehen auf das vom Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen am Rhein veranstaltete Zukunftssymposium „future:lab 2.0“ zurück und machen die „Zeit für Utopie“ zum Thema. In einer Zeit der Umbrüche und Neuorientierungen, so die Generalthese, sei die Suche nach gangbaren Wege in die Zukunft wesentlich, die Utopie Movens für Zeitkritik und Denkwende. Deshalb verteidigt Kalis Kufeld, Geschäftsführer der Bloch-Stiftung, den Begriff nicht nur als Beitrag zu theoretischer Reflexion, sondern als wesentlichen Beitrag zu politischer Praxis. Der „Mangel an systemisch langfristigem und über die Generationen vorausgedachtem politischen Handeln“ ist für ihn eine der Hypotheken, die auch die notwendigen Utopien aushebeln. Letztlich müsse allen daran gelegen sein, an einer besseren Welt mitzuarbeiten, anstatt sie nur einzufordern (vgl. S. 22).

 

Julian Nida-Rümelin stellt in seinem Aufsatz zu „Utopie zwischen Rationalismus und Pragmatismus“ die konkrete Utopie der unkonkreten transhumanistischen Utopie gegenüber. Seiner Ansicht nach sollten wir uns frühzeitig mit den utopischen Potenzialen, die natürlich an vieles erinnern, was man vom utopistischen Denken von früher kennt, auseinandersetzen und diesen Entwürfen eine humane Utopie eines menschlichen Zusammenlebens im globalen Maßstab gegenüberstellen. (vgl. S. 44) Im übrigen hält er die politischen Gestaltungsspielräume für größer, „als uns die libertären Kritiker utopischen Denkens jetzt seit Jahrzehnten versucht haben klar zu machen“ (S. 45) Für Nida-Rümelin ist gegenwärtig die machtvollste Utopie diejenige, die fokussiert auf die Weltfinanzmärkte davon ausgeht, dass wir eine politische Gestaltung der globalen Verhältnisse unbedingt brauchen. Indem utopisches Denken aller Sachzwangrhetorik und den Postulaten der Alternativlosigkeit eine Absage erteilt, öffne es den Horizont für Neues und scheinbar Undenkbares.

 

Wilhelm Voßkamp setzt sich mit der „Dialektik von Utopie und Utopiekritik in der literarischen Moderne“ unter anderem bei Alfred Kubin („Die andere Seite“), Jewgenij Samjatin („Wir“) oder Ursula K. LeGuin („The Dispossessed“) auseinander. Beat Sitter-Liver macht sich Gedanken zum Verhältnis von Utopie und Ethik. Wenn wir an eine konstruktive Gestaltung von Zukunft denken, so seine These, hängt dieses Vorhaben „zwingend davon ab, dass diese sich nach gemeinsamen Grundwerten und Prinzipien ausrichten, Moral und Ethik praktizieren, die - verglichen mit der Realität von Wirtschaft und Politik auf nationaler, internationaler und globaler Ebene - nach wie vor utopisch sind“ (S. 99). Die Ausarbeitung und Umsetzung dieser Utopie, erfordere nicht weniger als eine „Denkwende“ auf Grundlage intensiver Zeitkritik.

 

Edgar Göll, Zukunftsforscher am IZT Berlin, betont in seinem Beitrag zu „Utopien als Impulse für zukunftsfähiges Handeln“ zurecht, dass es schwierig sei, sich Vorstellungen über künftige Entwicklungen und Wahrscheinlichkeiten zu machen. „Das beschränkte Vorstellungsvermögen über Zukunft tritt uns in dieser Hinsicht in Medien und Kulturerzeugnissen gegenüber: da werden banale Kostüme ausgetauscht und suggerieren Zukunft, während alles andere beim Alten bleibt und Plots wie die in Western abgerollt werden.“ (S. 148) Göll beklagt v. a. das Fehlen sozialer Alternativen in literarischen Utopien. Diese Tatsache deutet für ihn darauf hin, „dass die Schwerkraft des Hier und Jetzt allem Anschein nach nur mit Mühe zu überwinden ist“ (S. 148). Die Komplexität und Unübersichtlichkeit der Gesellschaften führe tendenziell und immer häufiger zu kognitiver Überlastung. Umso mehr spiele die Vermittlung und Kommunikation von Bildern eine wichtige Rolle. „Das rechtzeitige Wahrnehmen von Krisen und das Vorstellen von Katastrophen sind demnach also voraussetzungsvolle Tätigkeiten“ für eine erfolgreiche Beschäftigung mit möglichen zukünftigen Entwicklungen, so Göll (S. 150). Als Beispiele erfolgreicher Visualisierungen hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung (als zentrales künftiges Leitbild) nennt er den Ökologischen Fußabdruck und den „Overshoot Day“. Schließlich erinnert Edgar Göll an die Möglichkeiten der wissenschaftlichen Zukunftsforschung und hält Vorausschau und die Befassung mit Zukunft für ein anthropologisches Merkmal. Die ernsthafte Beschäftigung mit Zukünften ist für ihn das Nachdenken über „das Andere“ primär in der zeitlichen Dimension. Vehement argumentiert Göll gegen die bereits oben erwähnte Ideologie des TINA („There is no alternative“) und hält dem das Blochsche „Prinzip Hoffnung“ entgegen, das, wie jüngste Beispiele (ATTAC, Weltsozialforum) für den Zukunftsforscher zeigen, wieder lebendig ist und die Auffassung verbreitet: „eine andere Welt ist möglich“. (S. 163) A. A.

 

Die Gegenwart der Utopie. Zeitkritik und Denkwende. Freiburg i. Br., Alber, 2011. 239 S., € 20,- [D], 20,60 [A], sFr 34,-  ; ISBN978-3-495-48100-4