Nach der wohl nur kurzfristig populären Idee vom "Ende der Geschichte" stellt sich John Lukacs, amerikanischer Historiker ungarischer Herkunft, mit der wenn auch nicht umwerfenden - Gegenthese ein, dass die Geschichte weitergeht. Es fragt sich nur wie? Der Befund des Autors dazu ist nicht eben sehr originell, wenn er davon ausgeht, dass wir vor großen Umwälzungen und Unruhen stehen. In zehn Kapiteln entwickelt Lukacs die These, dass die große Auseinandersetzung im 20. Jahrhundert nicht zwischen Kommunismus und Demokratie, auch nicht zwischen westlichem und sowjetischem Einflussbereich, sondern zwischen verschiedenen Formen des Nationalismus stattfand.

Vor diesem Hintergrund sieht er die Entwicklung im vereinigten Deutschland, im ehemaligen Jugoslawien und in den GUS-Staaten. Für Lukacs ist das 20. Jahrhundert insofern beendet, als wesentliche Merkmale wie die Expansion Europas, der Liberalismus und Humanismus, der souveräne Staat u. a. inzwischen abgeschwächt oder gänzlich verschwunden sind.

Die Gefährdung des Staates in seiner Funktionsweise, seiner Autorität, versucht er an der Entwicklung in Westeuropa hin zu einer internationalen oder einer supranationalen bürokratischen Organisation zu zeigen. Mit Blick auf die mörderischen Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien meint Lukacs, "dass es an einem ,europäischen' Willen fehlt", dort einzugreifen. Für ihn ist diese Vorgangsweise ganz in der Tradition des vermeintlich starken Amerika Ausdruck der Schwäche der europäischen Gemeinschaft, "die sich verhaspelt zwischen der unverantwortlichen Anerkennung von multinationalen (...) neuen Ministaaten und der Unfähigkeit, irgend etwas zu tun, außer blutleere Erklärungen abzugeben".

Am Ende der sogenannten Neuzeit bedrohen nunmehr zwei gefährliche Umstände die Welt: der institutionalisierte Drang nach materiellem und wirtschaftlichem Wachstum und die Existenz der populistischen Neigungen des Nationalismus. Diesen hält Lukacs am Beginn des 21. Jahrhunderts für die stärkste politische Kraft. Der Autor schließt mit einem Appell an den Glauben an uns selbst und die Verantwortung jedes Menschen gegenüber der Geschichte, in der Kontinuität ebenso wirksam ist wie der Wandel.

A. A.

Lukacs, John: Die Geschichte geht weiter. Das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts und die Wiederkehr des Nationalismus. München (u. e.): List, 1994. 3475., DM 44,- / sFr 40,50/ ÖS 343