Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus

Ausgabe: 2017 | 3

Von einer schlüssigen Theorie über die Digitalisierung der Wirtschaft seien wir noch weit entfernt, so der Soziologe Philipp Staab in einem Band des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Möglich sei eine Annäherung, die den neuen digitalen Kapitalismus als „Durchsetzung und Verbreitung von IKT und der mit ihnen verbundenen ökonomischen und ideologischen Dynamiken“ (S. 11) beschreibt. Staab sieht insbesondere drei Trends: die Hoffnung auf neues Wirtschaftswachstum – eine zitierte Studie des Fraunhofer-Instituts über „Industrie 4.0“ spricht  von 78 Milliarden Euro BIP-Wachstum bis 2025 allein für Deutschland; die Zurückdrängung bzw. Gefährdung der lohnabhängigen Beschäftigung als zentralem gesellschaftlichen Integrationsmechanismus sowie den Wandel der Distributionsprozesse durch den Online-Handel. Seine zentrale These: Der Kapitalismus heutiger Prägung habe kein Produktivitätsproblem, sondern ein „Konsumptionsproblem“ (S. 12): Der Expansion öffentlicher und privater Schulden sowie der stärkeren Exportorientierung, der freilich Grenzen gesetzt sind, folge nun als dritter Weg das Auffinden von bestehenden  Konsumlücken mittels Internet: „Das eigentliche Versprechen der Leitunternehmen des digitalen Kapitalismus ist die Lösung des Nachfrageproblems durch die Rationalisierung und Intensivierung des Konsums“ (S. 13). Ziel sei es, die „letzten Nachfragereservoirs“ (S. 19) auszuschöpfen, die etwa aufgrund zeitlicher Engpässe bei den Konsumenten einstweilen nicht erschlossen sind. Für Staab gelten die „individualisierte Produktion“ durch Sonderanfertigungen sowie die „individualisierte Werbung“, die das Internet ermöglicht, als Versuche, der Krise des Konsums zu begegnen, wie er im Kapitel „Von der Rationalisierung der Produktion zum effizienten Konsum“ darlegt.

Bessere Kontrolle der Arbeit

Im Abschnitt „Digitalisierung und soziale Ungleichheit“ beschreibt Staab den Wandel der Arbeitsbedingungen durch die Digitalisierung, die über Automatisierungsprozesse hinausweise: „Technik wird auch heute nicht nur zur Substitution menschlicher Arbeitskraft, sondern auch zur Bearbeitung des sogenannten Transformationsproblems genutzt.“ (S. 82). Die im Arbeitsvertrag festgelegten Aufgaben würden nicht immer lückenlos erfüllt, was eben das Transformationsproblem ausmacht. Mittels neuer Datenerfassungssysteme lasse sich nun die Arbeit besser kontrollieren und die Leistung der Arbeitenden durch Screenings genauer beurteilen. Staab spricht von „digitalem Taylorismus“ (S. 92) und nennt als Beispiel die Kontrollsysteme in den Zentrallagern des Online-Versandhändlers Amazon. Der Autor geht auch auf diverse Prognosen über mögliche Arbeitsplatzverluste durch weitere Automatisierung ein – medial bekannt wurde insbesondere die Oxford-Studie „The Future of Employment“, der gemäß 47 Prozent aller Branchen in den USA „automatisierbar“ seien. (Auch für die EU existieren ähnliche Prognosen.) Noch ist schwer zu sagen, ob das vorhandene Rationalisierungspotenzial tatsächlich realisiert wird. Doch Staab befürchtet zumindest einen starken Druck auf die Löhne der betroffenen Branchen, was durch die Zunahme sozialer Ungleichheiten auch das Konsumtionsproblem verschärfe. Staab nennt dies das „Konsumptionsdilemma“ des digitalen Kapitalismus (S. 120), da der „supplementäre Konsum“ der ersten Tertiarisierungswelle  (die von der Industriearbeit abgezogene Generierung von Kaufkraft wanderte in den Dienstleistungssektor) durch einen „kannibalisierten“ Dienstleistungssektor (S. 122) nicht aufrechterhalten werden könne.

Der Sozialwissenschaftler hütet sich vor eindeutigen Prognosen, er zeigt aber systemische Dilemmata der Digitalisierung auf, die im Wachstumsparadigma des Kapitalismus liegen. Die Perspektive einer Postwachstumsökonomie spricht er zwar an, geht aber nicht näher darauf ein. Den „Ausweg“ eines Grundeinkommens für alle benennt er nicht, dieser wird von anderen ExpertInnen mittlerweile favorisiert (s. u.). Den Technik-Optimismus, dass die Digitalisierung alle Probleme lösen werde - als „Geist des Solutionismus“ bezeichnet, teilt der Autor nicht, vielmehr verweist er auf die „digitale Ideologie“, die mit einer Abneigung gegen etablierte Institutionen der analogen Ära einher gehe und soziale Verwerfungen verstärken könnte. Hans Holzinger

Bei Amazon kaufen Staab, Philipp: Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus. Hamburg: Hamburger Edition, 2016. 133 S., € 12,- [D], 12,40 [A] ; ISBN 978-3-86854-305-6