Dass die gegenwärtige kapitalistische Wirtschaftsweise nicht mit dem Leitbild von Nachhaltigkeit vereinbar ist, vertreten auch die Autoren eines Bandes, der die „Neuordnung der Kapital- und Gütermärkte“ fordert. Anders als bei Sakar wird dabei jedoch von der Regulierbarkeit des Kapitalismus ausgegangen. Einer der Herausgeber, der Wirtschaftsethiker Hannes Hoffmann, fordert eine Reformierung des (deutschen) Wettbewerbsrechts im Sinne sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit, da die „heutige Form der kapitalistischen Marktwirtschaft nicht mehr der Wohlfahrt der Menschen“ diene (S. 49). Sein Herausgeberkollege, der Konsumökonom Gerhard Scherhorn, zeigt einmal mehr auf, dass die Externalisierung ökologischer und sozialer Kosten nicht länger tragbar sei: „Durch konsequentes Vermeiden von Externalisierung würde der heutige Überkonsum beseitigt, der Konsum würde nachhaltig.“ (S. 243) Scherhorn fordert die Sozialpflichtigkeit des Kapitals bzw. die Verpflichtung der Unternehmen, die bisher lediglich Kapitalinteressen bedienten, auf soziale und ökologische Ziele. Das Aktiengesetz und das Recht anderer Unternehmen müsse „unter die Generalklausel gestellt werden, dass das Vermögensinteresse der Kapitaleigner gleichen Rang hat mit der Erhaltung und Kultivierung des Sozialkapitals, und dass die Erhaltung der natürlichen Mitwelt im Konfliktfall sogar Vorrang vor den Interessen von Arbeit und Kapital hat“ (S. 249). Notwendig sei eine „Charta of Incorporation“, um zu verhindern, dass das Management sich zwar „jedermann verantwortlich aber niemand verpflichtet“ (S. 250) fühlt. Ethisches Investment müsste von der Nischen-existenz zur generellen Verpflichtung werden. Nicht zuletzt müssten die MitarbeiterInnen jedes Unternehmens als „Mitproduzenten“ auch Mitsprache erhalten. Scherhorn plädiert für einen Betriebsrat, der neben dem Aufsichtsrat eine Art „Zweite Kammer“ darstellen würde (ebd. 251). Und das ethische Investment, das mittlerweile an die 10 Prozent aller Finanzanlagen umfasse, müsse zur Richtschnur für sämtliche Finanzgeschäfte werden.

 

Der Philosoph Felix Ekardt („Das Prinzip Nachhaltigkeit“, 2005, s. PZ 2/2005; Nr. 69) spürt den Bedingungen nach, die einen Wandel ermöglichen. Ausgehend von einer prinzipiellen Trägheit der Menschen („Offenbar ist die Bequemlichkeit eines der stärksten Verhaltensmotive überhaupt.“ S. 279) sowie den „Eigennutzenkalkülen“ von Politikern und Unternehmen, die auf Stimmen- bzw. Gewinnmaximierung zielten, spricht er von einer „kritischen Masse“ (S. 278) nachhaltigkeitsorientierter BürgerInnen, die allein neue Rahmenbedingungen erzwingen könnten. Öffentliche Diskurse und Argumente für Nachhaltigkeit seien hier für Voraussetzung, es könne aber auch hier der Eigennutz der BürgerInnen eine Rolle spielen. Denn: „Je katastrophaler die äußere Entwicklung, beispielsweise mit Verteilungskriegen usw. gerät, desto offensichtlicher liegt es freilich im Eigennutz der Zeitgenossen, grundlegende Dinge zu verändern.“ (S. 279)

 

Die weiteren auf ein Ende Mai 2008 in Frankfurt (Main) stattgefundenes Symposium der Projektgruppe „Ethisch-ökologisches Rating“ zurückgehenden Beiträge thematisieren unterschiedliche Facetten einer Politik der Nachhaltigkeit: von der zunehmenden Abkopplung der Finanzmärkte von der Realwirtschaft (Stephan Schulmeister, Klaus Gabriel) sowie den Möglichkeiten und Grenzen von Mikrokrediten (Reinhard H. Schmidt) über mögliche Nutzungskonflikte bei nachwachsenden Rohstoffen (Hans Diefenbacher) bis hin zu neuen Potenzialen der Sonnenenergie (Gerhard Hofmann von CitySolar stellt ein s. E. zukunftsweisendes Konzept der Herstellung eines „synthetischen Analogons des Erdöls“ aus Sand und Sonnenenergie – hydriertes Poly-Silan, kurz: HPS – vor). Ein weiterer Abschnitt ist der Überwindung politischer und wirtschaftlicher Korruption gewidmet.

 

Allen Beiträgen gemeinsam ist, dass kritische KonsumentInnen nicht reichen werden. Wirtschaften erfordert ein „Framing“, das das nachhaltige Produzieren zur verbindlichen Norm für alle wird. „Jeder, der sich heute für Klimaschutz und Rohstoff-Effizienz entscheidet, muss ständig gegen eine schiefe Ebene anlaufen. Erfolg werden wir aber nur haben, wenn die Politik die Ebene so verstellt, dass wir in Zukunft mit der schiefen Ebene laufen können.“ Dieser im Buch zitierte Ausspruch von Ernst U. v. Weizsäcker (S. 367) bringt die Herausforderung auf den Punkt. H. H.

 

Eine Politik für Nachhaltigkeit. Neuordnung der Kapital- und Gütermärkte. Hrsg. v. Johannes Hoffmann ... Erkelenz: Altius, 2009. 460 S. (Geld & Ethik; 2). € 36,90 [D], 38,00 [A], sFr 64,60; ISBN 978-3-932483-22-6