Ulrich Eicke (Jg. 1927) weiß, wovon er schreibt: 38 Jahre in der Werbebranche lieferten dem Insider eine kenntnisreiche Basis für die Kritik der Werbeflut. Er analysiert das ,,39000000000-Mark-lmperium" (d. i. der vierfache Umsatz des gesamten deutschen Buchhandels) weniger im Hinblick auf die volkswirtschaftlichen als auf die politischen und gesellschaftlichen Aspekte: Wenn Zeitungen und Zeitschriften aus Abhängigkeit von Inserenten ("Zeitungen werden auf den Rückseiten von Anzeigen gedruckt") mehr oder weniger freiwillig Selbstzensur üben, wohin entschwindet da die Freiheit der Meinungsäußerung? Wenn Filmproduzenten (nicht nur in den USA) ihre Drehbücher auf den Rhythmus der Werbeeinschaltungen abstimmen müssen, wohin entschwindet da die Freiheit der Kunst? Warum hat das heutige „Kultursponsoring" mit "Mäzenatentum" so gut wie nichts mehr zu tun? Was bedeuten die milliardenschweren Begriffe „Product Placement" und „Bartering"? Was bedeutet es für das Bewusstsein von vielen (amerikanischen) Kindern, wenn sie bis zum Erreichen des College-Alters durchschnittlich 200000 Werbespots gesehen haben, ansonsten aber funktionale Analphabeten sind? Anhand vieler Beispiele, vor allem aus der BRD und den USA veranschaulicht der Autor, den mehr oder weniger subtilen Einfluss der Werbewirtschaft auf die Medienstruktur. Wenn 1994 bei der Fußball-WM in den USA beide Halbzeiten jeweils nach 25 Minuten zugunsten der Werbung unterbrochen werden, hätte die Werbelobby ein weiteres deklariertes Ziel erreicht ... Ob Eickes Plädoyer für eine "soziale" statt einer" freien" Marktwirtschaft gehört werden wird, erscheint fraglich: Die, die das Buch lesen sollten, werden es nicht lesen (es lässt sich nicht auf einen handlichen Slogan reduzieren). Falls sie es doch lesen, werden sie es nicht verstehen (wollen). Falls sie es doch verstehen, werden sie keine Konsequenzen ziehen. Weshalb sie es eigentlich gar nicht lesen müssten. Dass die Werbebranche unter einem schreienden Theoriedefizit "leidet", lässt die Praktiker kalt, solange die Umsätze stimmen. Dass viele Leute von dieser Art Werbung nichts sehen/hören wollen, bleibt unbemerkt, solange sie sich gegen ihre Zwangsbeglückung nicht wehren. Kommunikation Werbung 

Eicke, Ulrich: Die Werbelawine. Angriff auf unser Bewusstsein. München: Knesebeck und Schuler, 1991. 279 S., DM 38,- I sFr 32,20 I öS 296,40