Unsere Kultur steht heute im Bann der doppelten Tyrannei von Intimität und Gemeinsinn - im Kult der Marken, der Moden, der Revolte. Kritik funktioniert als Ersatz für Ganzheit. Norbert Bolz, bekannt als scharfsinniger Beobachter der neuen Kommunikationsverhältnisse, geht vom Grundgedanken aus, daß diese „kritische Haltung“, anders zu sein als die anderen, die aktuelle Form des Konformismus darstellt. Dieses „Anderssein als die anderen“ fordert vor allem Selbstinszenierung. Ihr Schauplatz ist die Mode, die deshalb für Bolz „das Urmodell für den Konformismus der Abweichung“ darstellt (S. 12).

Indem der Autor zunächst „Ornamente der Kritik“ aufgreift, werfen wir einen allgemeinen Blick auf die moderne Gesellschaft, in der sogar Bildung ersetzt wird durch die neue Schlüsselqualifikation der „Kritikfähigkeit“. Im Spiel des Neinsagens, der Verteidigung von Besitzständen, der Machtverteilung unter Gruppen, kann Politik auch ohne Alternativen alternativ auftreten. Die Vieldeutigkeit reduziert das Risiko und die Verantwortung des Politischen.

Auf der Suche nach den „Phantomen der Sinngesellschaft“ konstatiert Bolz, daß sich in der Frage nach der Zukunft unsere riskante Welt von sich selbst fasziniert zeigt. Er geht davon aus, daß, „wer heute Futurologen hört, genau so rational (handelt) wie der Abergläubige, der sein Leben nach dem Horoskop einrichtet“, denn vor uns steht nicht die Zukunft, sondern viele mögliche Zukünfte (S. 68). Am Beispiel der Netzwerke meint Bolz, daß sich unsere Informationsgesellschaft nur im Phantombild einer Sinngesellschaft erträgt, wenn vielen das Internet als Soziallabor erscheint, in dem der Homunkulus der Weltfamilie produziert wird“ (S. 99).

Schließlich landet der Autor beim Nonsense deutscher Befindlichkeit, indem er kein gutes Haar an der Kritischen Theorie („ein spannender Traum von einer schlechten Welt“) läßt. Anhand von Fernsehprogrammen reflektiert der Autor über den „Sinn des Unsinns“ und räumt gleichzeitig ein, daß man ziemlich viel Intelligenz braucht, um Dummheit darstellen zu können. („Es gibt sogar ein Lachen, das ein Denken ist.“) Schließlich sieht Bolz in der „Wiederkehr der Rhetorik“ eine treffliche Beschreibung des Cyberspace, als bloßes Know-how, als Technik ohne Wahrheitsbezug. McLuhans Satz, wonach das Medium die Botschaft ist, in Zeiten, da (virtuelle) Kommunikation zur Ersatzreligion wird, aktueller denn je. „Surfen im Internet ist also sehr viel mehr als ein Spiel - es ist ein Glückszwangsangebot.“ (S. 191) Dabeisein ist wirklich alles, denn wer nicht dabei ist, dem droht schlimmeres als die Arbeitslosigkeit - die „digitale Obdachlosigkeit“, vor der nur das Internet schützt.

Diese überaus pointierten und tiefsinnigen Überlegungen zum „Ende der Kritik“ lassen aber den eingangs angekündigten „Weg aus der Sackgasse“ im Sinne von Alternativen vermissen, oder ging es gar nicht mehr darum nach dem Motto, der Weg ist das Ziel?

A. A.

Bolz, Norbert: Die Konformisten des Andersseins. Ende der Kritik

München: Fink, 1999. 202 S., DM 38,- / sFr 35,- / öS 277,-