Nach seiner Abhandlung über das Ende der Kritik (Die Konformisten des Andersseins, PZ 3/99*239) meldet sich Norbert Bolz mit der These zurück, dass die Moderne, „die sich in der Postmoderne selbst reflektiert und bestätigt hat“, nicht mehr im Zeichen von Prometheus (Produktion), sondern von Hermes (Kommunikation) steht. Die Zeit der Weltkommunikation ist seiner Ansicht nach vor allem dadurch charakterisiert, „dass die Kommunikationswahrnehmung an die Stelle der Weltwahrnehmung tritt“, wir also Welt als Rahmen kommunikativer Erreichbarkeit interpretieren. In der so verstandenen Moderne hat gesellschaftliche Systembildung immer weniger mit Interaktion zu tun. Die moderne Gesellschaft lässt sich nicht von „Handlung“, sondern mehr von „Interaktivität“ faszinieren. „Ohne Netzadresse gilt man heute als Irrläufer der Medienevolution“. (S. 7f.)

Weltkommunikation heißt aber auch ungeheure Optionsvielfalt, die in keinem Verhältnis zu unseren Zeitressourcen steht. Wenn jeder mit jedem kommunizieren kann, überlastet das die Aufmerksamkeit des einzelnen, weshalb gerade die Internet-Kultur Organisation im Sinne von Einschränkung dringend nötig hat. In der Datenflut der Multimedia-Gesellschaft bedeutet „Mehrwert“ ein „Weniger“ an Information. Der Autor kritisiert in diesem Zusammenhang wohl zu recht den Begriff „Informationsgesellschaft“, weil Information nicht zwischen Sinn und Unsinn unterscheidet, also kein Maß für den Wert einer Botschaft ist. Bei der Frage nach dem Stellenwert der Kultur als „Welt der Bedeutsamkeit“ – im Gegensatz nicht nur zum grauen Alltag, sondern auch zur Wissenschaftswelt, zeigt sich für den Kommunikationsforscher, wie weit wir uns von der Gutenberg-Galaxis bereits entfernt haben, denn diese Bedeutsamkeit ist heute kaum noch an Sprache, Bücher oder Literatur geknüpft.

Das größte Hindernis auf dem Weg zu einer Wissensgesellschaft ist laut Bolz der Mensch selbst, er spricht sogar vom Menschen „als Flaschenhals der Wissensgesellschaft“ und beruft sich dabei auf Schätzungen, die davon ausgehen, dass 98% aller dargebotenen Informationen nicht bewusst verarbeitet werden, da „das Bewusstsein nur 40 bit pro Sekunde verarbeitet“ (S. 81). Das hier angesprochene Orientierungsproblem in der Wissensgesellschaft hängt für den Autor mit der Ungewissheit über die Zukunft (Zukunftsgewissheitsschwund) zusammen, welche wiederum von der Futurologie und Trendforschung kompensiert wird. „Man muss lernen, die Zukunft nicht mehr in Gestalt der Erwartung, sondern in Gestalt der Überraschung – zu erwarten.“ (S. 88)

Ausgehend von der Überkomplexität und Undurchsichtigkeit der Moderne lauern überall Paradoxien und Mehrdeutigkeiten. „Deshalb gibt es Designer, die entwerfend Welt erschließen“ und so eine künstliche Umwelt erschaffen, in der sich sinnvoll leben lässt. „Zwischen der hochkomplexen Welt und der knappen Aufmerksamkeit vermittelt die Konstruktion von Sinn. ... Design stellt Sinn durch Unterscheidung dar. Es ist das Medium der Welterschließung.“ (S. 140) Auch die Wiederentdeckung des Körpers im Zeitalter der Virtualisierung interpretiert Bolz als Versuch der „Sinnstiftung“. Die Komplexität der Moderne sei nicht zuletzt auch Gegenstand der Religion als Reaktion  auf Angst und Unsicherheit: „Religiöse Kommunikation verspricht: Man kann mit dem Unverständlichen umgehen – als ob man die unübersichtliche Welt von außen betrachten könnte.“ (S. 172) A. A.

Eine kritische Reflexion des Digitalen – von Software über Interface-Agenten bis hin zu „Learning by Surfing“ – sowie die Ambivalenz des technischen Fortschritts sind auch Thema in

Der digitale Wahn. Hrsg. v. Bernhard E. Bürdet. Frankfurt/M.: Suhrkamp-Verl., 2001. 213 S. (edition suhrkamp; 2146) DM 19,90 / sFr 18,70 / öS 145,-

Bolz, Norbert: Weltkommunikation. München: Fink, 2001. 184 S., DM 38,- / sFr 35,- / öS 277,-