Abhijit V. Banerjee, Esther Duflo

Gute Ökonomie für harte Zeiten

Ausgabe: 2020 | 3

Esther Duflo und Abhijit V. Banerjee erhielten 2019 gemeinsam mit Michael Kremer den Wirtschaftsnobelpreis für ihre Arbeiten zur Entwicklungsökonomie bzw. zur Bekämpfung der globalen Armut. Duflo ist Professorin am Massachusetts Institute of Technology, wo sie zusammen mit ihrem Mann Banerjee das „Poverty Action Lab“ gründete. In Poor Economics (2011) gingen die beiden gegen die falschen Klischees über die Armut in den Entwicklungsländern an. In ihrem neuen Buch spannen sie den Bogen nun weiter. Es geht auch um die zunehmenden sozialen Friktionen in den reichen Ländern, insbesondere in den USA.

Banerjee und Duflo kritisieren den Marktoptimismus, der den Wirtschaftswissenschaften meist zugeschrieben wird. Dem entgegnen sie mit vielen anderslautenden Befunden. Die Themen reichen vom Umgang mit Migration und den Folgen des globalen Handels über die Dekonstruktion der Vorstellungen über Vorlieben, Wünsche und Bedürfnisse bis hin zu Fragen des Wachstums, des Klimawandels, der Digitalisierung oder der Rolle des Staates bis hin zur Lösung der sozialen Frage, also der  Gestaltung von Wohlfahrtsstaaten.

Banerjee und Duflo hüten sich vor monokausalen Erklärungen; vielmehr berücksichtigen sie die Vielfalt an beeinflussenden Faktoren und setzen auf Empirie. Alle Fallbeispiele werden untermauert mit Feldstudien, Befragungen und Experimenten. Die beiden kommen dabei häufig zu Schlüssen, die dem Mainstream-Denken rechter (und manches Mal auch linker) Provenienz entgegenstehen. So führe Migration in der Tat auch zu Verlierern, in den USA konkret im Bereich niedrigqualifizierter Arbeitskräfte, der globale Handel wiederum sei keineswegs für alle gut (Entwicklungsländer gehören hier vielfach zu den Verlierern); Arbeitsmärkte funktionierten beileibe nicht so, wie sich das liberale Ökonomen vorstellen (Menschen sind nicht so mobil, wie im Modell angenommen).

Kapital allein produziert keinen Boom

Ausführlich besprechen Duflo und Banerjee, welche Bedingungen Entwicklung begünstigen bzw. verhindern, warum manche Regionen zurückfallen, andere boomen. Vorhandenes Kapital und verfügbare Arbeitskräfte allein würden nicht reichen, um Entwicklungen anzustoßen, so die Aussage. Und Bildung allein reiche auch nicht. Eine ebenso wichtige Rolle spielen kreative Milieus, Clusterbildungen und vor allem die richtige Allokation von Ressourcen.

Hinsichtlich Wirtschaftswachstum bleiben Banerjee und Duflo ambivalent: In den Ländern des Südens sei dies notwendig, wobei hier Chancen im Setzen auf umweltfreundliche Technologien gesehen wird (neben der Klimaerwärmung, die die ärmeren Länder am härtesten treffen werden, gehe es hier auch um die Unterbindung der lokalen Luftverschmutzung). Für die reichen Länder wird von einem nur mäßigen und regional divergierenden Wachstum ausgegangen. Im Kontext der ökologischen Krisen sei Wachstum jedoch generell zu hinterfragen, so die beiden, ohne dass sie auf die Postwachstumsdebatte eingehen. 

Bringen Digitalisierung und KI neue Wachstumsschübe?

Ob Digitalisierung und Künstliche Intelligenz neue Wachstumsschübe bringen, beurteilt das Ökonomen-Duo skeptisch; vielmehr könne es zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft kommen. Die beiden plädieren daher für eine starke Rolle des Staates, eine stärkere Heranziehung der Vermögenden zu dessen Finanzierung (progressive Steuern würden der Wirtschaft nicht schaden, wie etwa am Beispiel Dänemark und Japan gezeigt wird). Es gehe nicht darum, die „Reichen zu schröpfen“, sondern darum, sie „zu eliminieren“ (S. 374). Zudem brauche der Staat künftig mehr Geld, um Dienstleistungen wie Bildung oder Altenpflege finanzieren zu können. Schließlich plädieren Duflo und Banerjee für ein Überdenken der staatlichen Transfersysteme sowie die Einführung eines „rudimentären Grundeinkommens“ (S. 440). Referiert werden auch die Bedenken: Mehr noch als die Finanzierung sei die Frage wichtig, ob es nicht zur Würde des Menschen gehöre, mit eigener Arbeit den Lebensunterhalt zu verdienen. Das führt die beiden zu (staatlichen) Programmen, die als „Subventionierung des Gemeinwohls“ (S. 459) bezeichnet werden: die Schaffung sinnvoller und notwendiger Tätigkeiten, die der Markt allein nicht anbietet. Auch hierfür werden wieder eine Vielzahl an Beispielen angeführt.

In einem ihrer Aufsätze bezeichnete sich Duflo als „Klempnerin“. Dagegen gab es auch Kritik: Neben der Mikroökonomie brauche es die Makroökonomie, um die Strukturen der Armut zu überwinden. Beides ist wohl nötig, und dieses Buch zeigt, dass sich Duflo und Banerjee der Rolle staatlicher Eingriffe keineswegs verwehren. Ihr Verdienst bleibt die Einführung randomisierter Feldstudien für die Evaluation von Entwicklungsprojekten sowie für eine evidenzbasierte Entwicklungspolitik