Der Erziehungswissenschaftler Stefan Blankertz fragt in seiner Bestandsaufnahme unserer Gesellschaft an der Jahrtausendwende „nach der Zukunft der Liebe. Der Liebe zur Natur, zum Denken, zu den Menschen und zu bestimmten Menschen, zu Gott. Es ist eine Frage danach, warum wir so hartnäckig das uns nicht Gemäße aufnehmen, das uns beschädigt und entfremdet“ (S. 9). Seine Gedanken sind geleitet von der Suche nach Hoffnung, obwohl das Projekt eines menschenwürdigen Lebens für alle im 20. Jahrhundert gescheitert sei. In seiner Reflexion greift der Autor vor allem auf Texte von Thomas von Aquin, Aristoteles, Avicenna, Paul Goodman und Friedrich August von Hayek zurück.

Kennzeichnend für das 20. Jahrhundert sei das Verhängnis: „Wo scheinbar die höchste Willkür des Menschen, die perfekte Planung seiner Gesellschaft, seiner Umwelt und seiner selbst erreicht ist, wird in Wirklichkeit das menschliche Verhalten durch unwillkürliche Reaktionen auf systembedingte Sachnotwendigkeiten geprägt und verliert das Ideal der Freiwilligkeit.” (S. 17) Dies stellt Blankertz nicht in einer systematischen Abhandlung dar, sondern in kurzen Gedanken, Kurzgeschichten, Passagen teilweise wie Aphorismen. Die Therapie der Gesellschaft findet er weder in der Erziehung noch in der Psychotherapie. Vielmehr greift er auf das Denken Spinozas zurück: „Man soll die Welt nicht belachen, nicht beweinen, sondern begreifen.“ Dazu sei es notwendig, dem eigenen Verstand zu folgen und das eigene Denken weder zu beschneiden, zu verleugnen, zu unterdrücken oder anderen Autoritäten zu unterstellen und dem Denken anderer mit Toleranz zu begegnen.

Viele anregende Gedanken kann die Leserin/der Leser in diesem Buch finden, auch wenn das Einlassen darauf an mancher Stelle sperrig ist; doch dies ist die Absicht des Buches: erst in der Stellungnahme der Leserinnen und Leser entsteht die wirkliche Einsicht.

S.A.

Blankertz, Stefan: Die Therapie der Gesellschaft. Perspektiven zur Jahrtausendwende. Wuppertal: Hammer, 1998. 266 S., DM 29,80 / sFr 27,50 / öS 218,-