Innerhalb eines Jahres hat sich aus einer Immobilienkrise eine Weltfinanzkrise unvorstellbaren Ausmaßes entwickelt. Der so genannte Super- GAU, wie es der Autor des vorliegenden Bandes nennt, trat im Oktober 2008 ein, als die Banken die Kreditvergabe untereinander einstellten, an den Börsen Panik herrschte und in Folge die Medien nicht müde wurden, die Rezessionsängste zu schüren. Warum konnten aber ein paar Hypothekarkredite, die an Leute vergeben wurden, bei de-nen von vornherein klar war, dass sie diese nicht würden zurückzahlen können, das globale Finanzsystem in die Knie zwingen? Genau diese Frage will der Wirtschaftsjournalist Rainer Sommer klären. Er versucht, die Entwicklung in den letzten Jahren nachzuzeichnen, beschreibt den amerikanischen Immobilien- und Hypothekenboom und anschließend die makroökonomischen Entwicklungen nach der Jahrhundertwende. Dabei stehen die Darstellung der Finanzmärkte, ihre Marktteilnehmer und ihre Produkte (z. B. Hedg- Fonds, Derivate) im Mittelpunkt der Analysen.

Altes Paradigma zählt nicht mehr

Ein Charakteristikum in den USA ist, dass jede „normale“ Hypothek vom Kreditnehmer per Gesetz jederzeit gekündigt werden darf. Insofern ist es dort üblich, alte Hypotheken bei fallenden Zinsen zu kündigen und die Hypothek zu den neuen, niedrigeren Zinsen zu refinanzieren. „Wer eine alte, hoch verzinste Hypothek laufen hatte, konnte also zu niedrigeren Monatsraten refinanzieren oder die Ratenhöhe beibehalten und die Differenz in Cash einstreichen – was als home equity extraction bezeichnet wird“ (S. 5), so Rainer Sommer. Gebündelt und in Risikoklassen geteilt wurden massenhaft Hypotheken an Investoren verkauft, was wiederum zum besten Geschäft an der Wall Street nach dem Platzen der New-Economy-Blase avancierte. Als der Markt auf diesem Weg gesättigt war, mussten neue Kunden gesucht werden, die eine schlechte bzw. gar keine Bonität hatten. Viele von ihnen haben mittlerweile längst ihre Häuser verloren. Noch im Sommer 2008 hatte die US-Regierung staatliche Garantien in Höhe von bis zu 300 Milliarden Dollar (rund 191 Milliarden Euro) für gefährdete Immobilienkredite beschlossen. Damit sollte verschuldeten Hausbesitzern eine Umschuldung zu günstigeren Bedingungen ermöglicht werden. Die Zukunft der Finanzmärkte Sommer macht in der Folge deutlich, dass die wichtigste Veränderung im US-Finanzsystem der letzten drei Jahrzehnte in der „Atomisierung des Risikos“ zu sehen ist. Auch der Einfluss der Notenbanken auf die Geldpolitik wird thematisiert. Anders als die EZB darf die US-Notenbank selbst an notleidende Unternehmen unter Umgehung des Bankensektors Kredite vergeben und hat darüber hinaus Wachstum und Geldwertstabilität als zwei gleichrangige Ziele in ihren Statuten verankert. Die EZB dagegen ist primär der Preisstabilität verpflichtet. Der Autor zeigt aber auch, dass ein altes volkswirtschaftliches Gesetz, nach dem sich die Höhe der Preise aus dem Verhältnis der Geldmenge zur Menge an Gütern bestimmt, die produziert bzw. gekauft werden, nicht mehr aufrecht erhalten läßt: „So erwies sich der Zusammenhang zwischen Inflation und Wachstum nach der Logik: niedrige Zinsen – hohes Wachstum – hohe Inflation, der in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beobachtet und auch für die Zukunft vorausgesetzt wurde, ab den 1970er –Jahren als empirisch nicht mehr gültig, wie die lange Zeit mit hohen Preissteigerungen und stagnierendem Wachstum („Stagflation“) bewies.“ (S. 76.) Mitte des Jahres 2008 trat, so der Autor, der internationale Aspekt der Krise in den Vordergrund. Deutschland erlebte nach Auskunft des Bankenaufsehers Jochen Sanio mit dem Kollaps der IKB Deutsche Industriebank und ihrem Hauptanteilseigner, der staatseigenen Förderbank KfW, die größte Bankenkrise seit 1931 (zit. S. 125). In den USA kam es zur Verstaatlichung der Hypothekeninstitute Fannie Mae und Freddie Mac. Gleichzeitig wurde ein 700-Milliarden-US-Dollar- Fonds bereitgestellt. Sommer rechnet vor,dass diese Summe keineswegs übertrieben ist:Sollten nur 10 Prozent jener rund fünf Billionen Dollar schlagend werden ,die der Hälfte des Volumens der in den USA ausstehenden Eigenheimhypotheken entspricht (sie werden von Fannie und Freddie garantiert oder im eigenen Bestand gehalten ), würde dies allein 500 Milliarden US-Dollar kosten. Wie George Soros (siehe ) tut sich Sommer schwer mit makroökonomischen Prognosen, die immer eine Summe aus unzähligen, individuellen Einzelentscheidungen darstellen.„Hier kommen die privaten Befindlichkeiten ins Spiel, die individuellen Präferenzen, Werbung, Modeströmungen bis hin zum von Massenmedien vermittelten Eindruck vom Zustand der Welt.“ (S. 201) Der Autor schätzt aber und ist sich hier einig mit allen anderen zitierten Autoren sowie den ExpertInnen von ATTAC - die Stimmen vom Weltfinanzgipfel in Washington gehen ebenfalls in diese Richtung –, dass die Finanzmärkte Zeiten mit schärferen Reglements vor sich haben. Für ihn wäre jetzt ein optimales Zeitfenster, um Projekte wie eine „Tobin-Tax“ umzusetzen und die internationalen Kreditflüsse insgesamt stärker zu regulieren. Eine ebenso faktenreiche wie aktuelle (Stand Oktober 2008) Analyse, die die gegenwärtige Krise in einen größeren, makroökonomischen und historischen Zusammenhang einordnet. Frappierend klar zeigt der Autor, dass offenbar ein Zusammenspiel laxer Kontrollen, niedriger Zinsen und neuer, schlecht verstandener Finanzprodukte ausgereicht hat, ökonomische Anreize zu schaffen, die das Finanzsystem bis, wie Sommer es ausdrückt, „zur Kernschmelze des internationalen Finanzsystems“ führen konnten. A. A.

 

Sommer, Rainer: Die Subprime-Krise und ihre Folgen.Von faulen US-Krediten bis zur Kernschmelze des internationalen Finanzsystems. 2. aktual. u. erweit. Aufl. Hannover: Heise-Verl., 2009. 224 S., € 18,-[D}, 18,50 [A], sFr 30,60 ISBN 978-3-936931-62-4