Schlechte Nachrichten - so übertitelt Hartmut von Hentig, wohl einer der profiliertesten und eigenständigsten Pädagogen Deutschlands, sein jüngstes Buch: Gewalt unter Jugendlichen, Ausschreitungen gegen Minderheiten, Selbstzweifel der Erzieher und allenthalben Lebenslüge : Das sind nur einige der Tatbestände die, in den Kontext der Schule gerückt, darauf hindeuten, daß diese "die jungen Menschen kenntnisreich. aber erfahrungsarm, erwartungsvoll, aber orientierungslos, ungebunden, aber auch unselbständig" in die Welt der Erwachsenen entläßt. Hentig versagt sich und seinen Lesern gängige Klischees, hält den vielzitierten "Wertewandel " ebenso wie das Reden von der „Kulturkrise" für untaugliche Deutungen gesellschaftlicher Defizite. Auf teils neue, vor allem aber schwierige Themen wie" Fernsehen und Computer, die "Flucht vom Denken ins (abgelegte) Wissen", Europa und "multikulturelle Gesellschaft" oder Irrationalismus und Fundamentalismus finden Politiker und Didaktiker, Eltern und Schüler, aber auch eine postmoderne Ästhetik der zynischen Beliebigkeit vor allem eines "verfehlte Antworten". Behutsam und geduldig führt Hentig durch die Niederungen der aktuellen Gesellschafts- und Schulmisere, um zu zeigen, daß es mit (marginalen) Verbesserungen oder (selbstverständlichen) Veränderungen nicht getan ist. Nein, es gilt, "die Schule neu zu denken", sie zum "Lebens- und Erfahrungsraum " oder auch zur polis zu machen. Schule würde so erfahrbar als Ort, an dem man gebraucht wird, an dem "das Leben zugelassen", Unterschiede bewußtgemacht und wahrgenommen und "der ganze Mensch" in Anspruch genommen wird. Als langjähriger Leiter der „Laborschule " und des Oberstufen-Kollegs des Landes Nordrhein-Westfalen weiß der Autor anschaulich zu vermitteln, wie es gelingen kann, den Schülern zu zeigen, daß das Lernen "ihre Sache ist", und daß es lohnt, Demokratie zu praktizieren. Nicht (von oben diktierte) Schulversuche, sondern (autonome) Versuchsschulen sind gefragt, vonnöten eine Lehrer-Bildung anstelle bloßer Ausbildung, damit aus Belehrung Beteiligung wird. Der von Hentig zur Diskussion gestellte "Sokratische Eid" weist darauf hin, daß eine auf Verantwortung, Verständigung und Vertrauen gegründete Gemeinschaft selbstbestimmter, mündiger Bürger einer Gesellschaft vorzuziehen ist, die aus "hastenden Produzenten und unbefriedigten Konsumenten ... sowie einsamen Neurotiker(n)" besteht. W Sp.

Hentig, Harmut v.: Die Schule neu denken. Eine Übung in praktischer Vernunft. ... München: C. Hanser, 1993. 267 S., DM 34,-1 sFr 28,801 öS 265,20