Der Tourismus zählt nach den Prognosen der “World Tourism Organization” zu Beginn des 21. Jahrhunderts zur weltweit größten Wirtschaftsbranche. Die Einnahmen aus dem Tourismus sollen sich von 1995 bis 2010 auf über 1.500 Mia. US Dollar fast vervierfachen. In der EU sind gegenwärtig rund 20 Mio. Menschen in der Branche beschäftigt. Der vorliegende Band enthält mit einer Ausnahme alle Beiträge, die am Kongreß zum Thema “Tourismussoziologie” zur Diskussion standen. Aufgrund der Vielfalt der Fragestellungen und deren Multidimensionalität wäre, so Peter Schimany in seinem Impulsreferat, der Ausbau zu einer interdisziplinären, theoretisch und methodisch fundierten Disziplin “Tourismuswissenschaft” wünschenswert.

Für die Sozialwissenschaften bietet sich der Tourismus als gesellschaftsrelevante Thematik in geradezu idealtypischer Weise als einerseits grenzüberschreitendes und andererseits grenzziehendes Phänomen an. “So ist Reisen zwar grenzenlos geworden, indem Sozialgrenzen durchbrochen, Kulturgrenzen verlassen, Raumgrenzen überwunden und Zeitgrenzen überschritten werden. Umgekehrt ist in der Genese ‚Reisen als Massenphänomen’ und ‚Internationalisierung des Tourismus’ die Frage nach den Grenzen und Begrenzungen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene notwendig geworden.” (S. 5) Mit Blick auf die “natürlichen” Grenzen (der ökologischen Beanspruchung) des Tourismus spricht etwa Martin Weichbold von einer sozialen Konstruktion von Grenzen.

Karlheinz Wöhlers Thema ist die “Touristifizierung der Welt” als Konsequenz der Moderne: “Auf ferne Räume werden Sinnentwürfe projiziert, die diese Räume vom Konkreten nicht nur befreien, sondern so re-konstruieren, daß das Erhoffte, Gewünschte oder das Andere ‘dort’ auch angetroffen wird.” (S. 51) Aufgrund empirischer Tests kommt Susanne Hohermuth zur Überzeugung, daß es heute notwendig ist, “die fluchtauslösenden Raum- und Zeitstrukturen zu verändern, Zeitlandschaften zu erfinden und zu fördern, welche die Bleibekraft in den heutigen Fluchtgebieten stärken” (S. 171).

Schließlich geht es um das Reisziel Vergnügungspark, um Flughäfen als Orte empirischer Studien oder um die Beschreibung des Fremden in den Merian-Heften seit den 60er-Jahren. Angesichts des ökonomischen Potentials der Branche ein wichtiger Beitrag auch zur Frage, welche Natur wir wollen.


A. A.

Grenzenlose Gesellschaft - grenzenloser Tourismus? Hrsg. v. Reinhard Bachleitner ... München (u. a.): Profil-Verl., 1999. 184 S.Tourismuswissenschaftliche Manuskripte; 5)