Mit dem Ende der Hauptferienzeit sind die Meldungen über das Robbensterben aus den Schlagzeilen verschwunden. Von nun an nähren prächtig kolorierte Urlaubserinnerungen die Illusion ungetrübten Glücks und die empfundenen Einschränkungen umfassenden Wohlempfindens verblassen ebenso rasch wie die sonnengebräunte Haut. Gegen die Tendenz kollektiven Verdrängens und individueller Vergeßlichkeit anzukämpfen ist die Absicht dieses Titels. Um die hoheitsvoll mahnenden Worte ergänzt, die der britische Thronfolger den Vertretern der ,,2. Nordseekonferenz" im November letzten Jahres mit auf den Weg gab, bietet das Buch einen umfassenden Blick auf die Ursachen des ökologischen Desasters. Ob Deichbau, Tourismus, industrielle Müllentsorgung, Ölförderung oder Tankerkollisionen - sie alle tragen dazu bei, das Leben in der Nordsee zu vernichten und damit eine der letzten Kulturlandschaften Europas zu zerstören. Güntheroths Darstellung verbindet die Tugenden wissenschaftlichen Journalismus, ist sachlich fundiert und engagiert zugleich. Auch wenn das Leben in der Nordsee "eine Gleichung mit vielen Unbekannten" darstellt - auf die sich v. a. Politiker berufen, um Entscheidungen auf die lange Bank zu schieben -, macht der Autor Zusammenhänge verständlich. Wie sehr ökonomische Begierde - als Sachzwänge verschleiert - dringende ökologische Maßnahmen hintertreibt, wird ebenso deutlich wie politische Vernebelungstaktik. Obgleich etwa ein Drittel aller Industrieabfälle aus England stammt, konnte der zuständige britische Staatssekretär mit dem Verweis auf eine deutsche Studie die unbedenkliche Wassergüte der Nordsee und eine Beendigung der "kontrollierten Verklappung“ ankündigen, sobald die Verschlechterung der Nordsee-Ökologie nachweisbar sei.

Die 100.000 Tonnen Öl, die jährlich von doppelt so vielen Schiffen aus aller Welt zwecks Tankreinigung abgelassen werden, beeinflussen ministerielle Entscheidungen offenbar ebenso wenig wie 700.000 Tonnen Dünnsäure, die allein von zwei Schiffen der deutschen Firma „Kronos-Titan" in dem durchschnittlich nur 80 Meter tiefen Binnenmehr "entsorgt" werden. Die Ableitung dieser und anderer Stoffe "soweit wie möglich zu vermeiden" ist zwar Absicht der Konferenzteilnehmer, konkret wollte man sich jedoch nur zu einer Halbierung der Schadstoff-Frachten der Flüsse bis 1995 und einigen kleineren Maßnahmen in weiterer Ferne durchdringen. Und das, obgleich ein deutscher Sachverständigenrat in Bezug auf die Umweltprobleme der Nordsee schon 1980 festgestellt hatte, daß es "wenige Minuten vor zwölf" ist.

In bedrohlichen Momenten scheinen die Uhren stillzustehen. Wie ökologische und wirtschaftliche Interessen, die im Blick auf die Zukunft ohnehin ein und dieselben sind, miteinander verknüpft werden könnten, ist am Ende des Buches in einer Reihe von Forderungen zusammengestellt. Aber noch sind es ja nur die Wälder und Robben, die ungetrübte Urlaubsfreuden schmälern ...

Güntheroth, Horst: Die Nordsee. Portrait eines bedrohten Meeres. Hamburg: Gruner + Jahr. 4., aktual. Aufl. 1988.224 S. DM24,80/sfr21,-/öS 193,40