Glotz analysiert Lage und Aufgabe der europäischen Linken nach 1989. Er entwickelt einen linkslibertären Denkstil als Angebot an verschiedene soziale Gruppen, von der organisierten Arbeiterschaft bis zur aufgeklärten Bourgeoisie. 1989 markiert zwar den Sieg der Markt- über die Planwirtschaft, aber nicht den Sieg des Kapitalismus. Aufgrund der strukturellen Dilemmata des Westens - ökologische Krise, Zweidrittel-Gesellschaft - ist die Vorstellung, der Osten verwandle sich nach ein paar Anpassungsjahren in eine blühende kapitalistische Gesellschaft, unrealistisch. Notwendig ist nicht der bloße Modellwechsel im Osten, sondern ein Paradigmenwechsel in der Politik. Angesichts fundamentaler Fragen wie der ökologischen müssen Denkkategorien und politische Rituale des Kapitalismus überwunden werden. Notwendig ist eine Linke, die alte Kränkungen verarbeitet und auf 1989 reagiert. Der Fortschrittsbegriff der Aufklärung darf nicht aufgegeben, sondern muss ökologisch und sozial rekonstruiert werden. Die Linke muss sich besinnen auf Grundwerte wie soziale Gerechtigkeit, Begrenzung der Marktlogik, Schutz von Lebenswelt und Natur, Bekämpfung des Nationalismus. Sie darf das ökonomische Interesse als die Triebkraft der Moderne nicht durch moralische Maximen zudecken, sondern muss eine offensive Gestaltung der Produktions- und Konsumptionsweise leisten, um kapitalistische Raubbau-Logik einzudämmen und um zu verhindern, dass die Produktion die Produktionsgrundlagen zerstört. Ohne eine aktive Linke kann sich die soziale und ökologische Krise in Europa verschärfen und zu Nationalismus und Rechtspopulismus führen. A S. P.

Glotz, Peter: Die Linke nach dem Sieg des Westens. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1992. 2065., DM 28,- / sFr 24,- / öS 219