Rolf Sieferle, der mit dem 1984 erschienenen Buch "Fortschrittsfeinde" bereits einen vielbeachteten Beitrag zur Industrie- und Technikgeschichte vorgelegt hatte, zeichnet nun als Herausgeber für einen Sammelband verantwortlich, der die aktuelle Diskussion um Hintergründe und Ausmaß der Umweltkrise zugleich beleben und vertiefen sollte.

Grundsätzlich greift jedes Lebewesen in Naturzusammenhänge ein. Aufgrund seiner kognitiven und kommunikativen Möglichkeiten hat der Mensch jedoch diese Einflußnahme ausgeweitet und damit "ein starkes Moment der Ungleichzeitigkeit in die Evolutionsprozessen hineingetragen. Es ist daher danach zu fragen, wie sich Naturzusammenhänge gegenüber menschlichen Handlungsabläufen verhalten und wie die Struktur der gegenwärtigen Krise beschaffen ist. Diese kann u.a. auch dadurch erhellt werden, daß man ihrer Entstehung nachgeht, die Geschichte als Orientierungshilfe und Standortbestimmung befragt.

Die neun Beiträge sind überwiegend Beispiele einer in der USA entstandenen modernen Umweltschutzbewegung, die, z.T. schon zu Beginn dieses Jahrhunderts nachzuweisen, "naturschützerische Intentionen mit naturwissenschaftlicher Argumentation verbindet, (...) wobei (...) ein neuer sozialer Typus des kritischen Wissenschaftlers entstehen konnte".

Der einleitende Aufsatz von Charles Bowlus über die Umweltkrise im Europa des 14. Jahrhunderts ist der beachtliche Versuch einer umfassenden Darstellung, die jedoch Behauptungen nur unzureichend durch empirische Nachweise abstützt. Konkreter sind die Darstellungen über Luftverschmutzung und Brennstoffkrisen in London, Alkalifabrikation und Belastungen städtischer Siedlungsräume schon zur Mitte des vorigen Jahrhunderts und über die Folgen der Winderosion im Südwesten der USA. Weitere Aufsätze bringen geistesgeschichtliche Aspekte ein. William Collman etwa betrachtet den Zusammenhang von göttlicher Vorsehnung, Kapitalismus und Umweltzerstörung. Abschließend skizziert Sieferle Perspektiven einer historischen Umweltforschung. Dabei geht es weniger darum, Antworten zu geben, als Fragen zu stellen.

Der vorliegende Versuch, Problemhorizonte der Umweltdebatte im Blick auf die Vergangenheit abzuklären, ist hoch einzuschätzen. Zum einen wird die neue Dimension der aktuellen Herausforderung und Bedrohung deutlich, zum anderen aber hütet die klärende Bestandaufnahme des Zurückliegenden vor vereinfachenden Lösungen und Schuldzuweisungen.

Fortschritte der Naturzerstörung. Hrsg. v. Rolf P. Sieferle. Frankfurt/ Main: Suhrkamp, 1988.3775. (Edition Suhrkamp; 1489) DM 18/sfr 15,30/öS 140,40