Über viele Jahre hatte sie einen makellosen Ruf. Gut für Tier und Mensch, die Eiweißalternative für Tierfett-Allergiker, Jungbrunnen, Schlankmacher und nicht zuletzt auch nahrhaftes Grundnahrungsmittel für die rasant wachsende Bevölkerung in Asien und Afrika. Dies und manches mehr machte die Sojabohne zu einem viel umworbenen und hoch gepriesenen Nahrungs- und Basismittel industrieller Produktion. Die Schatten der Entwicklung sind jedoch nicht zu übersehen: 28.000 km² oder 2,8 Millionen ha, so eine Berechnung des BUND, werden in Übersee beansprucht, um den Sojabedarf für die Fleischproduktion in deutschen Ställen zu decken (S. 11). Auf 22% der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche der USA, d. s. mehr als 30 Millionen ha, wurde im Herbst 2009 eine Rekordernte von 91 Millionen t eingefahren, was rd. 40% der Weltproduktion entspricht. Der amerikanische „soja-dream“, der in den 1890-Jahen seinen Anfang nahm, erweist sich jedoch, wie vor allem auch M. Pollan (s. ) eindrucksvoll berichtet, mehr und mehr einem Albtraum gewichen.

 

Überaus kritisch fällt auch die Bilanz des Umweltjournalisten Norbert Suchanek aus, der heute in Rio de Janeiro unter anderem als Mitautor des Umweltportals www.ecodebate.com.br tätig ist.

 

In insgesamt sieben Kapiteln arbeitet der Autor kenntnisreich, sachbezogen und emotionslos an der Demontage des Soja-Mythos. Gegen die weit verbreitete Vorstellung, dass Sojaprodukte besonders gesundheitsfördernd seien – vor allem Frauen zwischen 20 und 30 Jahren haben mit dazu beigetragen, dass der Konsum von Sojamilch und –mixgetränken zwischen 2004 und 2008 allein in Deutschland von 30 auf 45 Millionen Liter gestiegen ist –, verweist Suchanek darauf, dass „Soja heute zu den bedeutendsten allergenen Nahrungsmitteln in Europa gehört“ (S. 18). Auch die Erwartung, dass Soja als Wunderbohne gegen Krebs wirke, Beschwerden der Wechseljahre vergessen und das zunehmend schüttere Haupthaar des vermeintlich starken Geschlechts wieder wachsen lasse, demaskiert Suchanek mit Verweis auf jeweils renommierte Quellen als Illusion. Und er berichtet von „fetten Lügen und ihren fatalen Folgen“, denn sogenannte Transfette, die vor allem in Margarine, in industriellen Backwaren und Pommes enthalten sind, „steigern das Risiko, ein Herzkreislaufleiden zu bekommen, um 25%“ (S. 35). Mehr noch: allein in New York, so haben US-Forscher errechnet, sterben pro Jahr rund 1.400 Menschen an den Folgen des Konsums von Transfetten – und Soja spielt dabei eine maßgebliche Rolle. Doch damit nicht genug: Der Einsatz von „Biosoja“ in der Fleisch- und Fischzucht hat, wie Suchanek darlegt, zur Folge, dass Standards wie „bio“ und „öko“ fragwürdig und problematisch sind.

 

Mit einem Klischee räumt der Autor in einem weiteren Kapitel auf. Die Bohne ist in Asien weit weniger Nahrungsmittel (für Menschen) als Futtermittel für tierische Fleischproduktion. Und dass nicht zuletzt die Soja-Produktion in Brasilien zur weiteren Vernichtung des Regenwaldes und damit zur Klimaproblematik entscheidend beiträgt, steht – nicht zuletzt nach dem ernüchternden Beschluss des Parlaments in Brasilien – außer Zweifel. Zu guter Letzt meldet Suchanek auch begründete Zweifel dahingehend an, dass Sojaproteine als Ersatz für Fleisch- und Milchprodukte einen entscheidenden Beitrag zur Lösung des Welthungerproblems leisten könnten. In Summe also eine kompakte, radikale und doch überzeugende Entzauberung der „Wunderbohne Soja“. W. Sp.

 

Suchanek, Norbert: Der Soja-Wahn. Wie eine Bohne ins Zwielicht gerät. München: oekom-Verl., 2010. 109 S. (Reihe: quer gedacht) € 8,95 [D], 9,20 [A],

 

sFr 15,60 ; ISBN 978-3-86581-216-2