Die Verbindung von demokratischem Rechtsstaat mit einer Wohlfahrtsökonomie sieht der Autor - er ist Professor für Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg - als Antwort der "Zweiten Moderne" auf die sozialen Verwerfungen der "Ersten Moderne", die durch Wirtschaftsliberalismus und liberalem Rechtsstaat gekennzeichnet war. Der Globalisierungsschub an der Wende zum dritten Jahrtausend bringe uns jetzt auf den Weg in die "Dritte Moderne", in der der Nationalstaat seine Souveränitätsgrenzen und der Wohlfahrtsstaat seine Integrationskraft verliere.

In einem ersten soziologieimmanenten Kapitel erörtert Münch Theorien der sozialen Integration, wobei er u.a. das Verhältnis zwischen Ökonomie und Ethik, zwischen Rechtsentwicklung und Normwandel (der Autor zieht diesen Begriff der vielfach beschworenen ”Normenerosion" vor) sowie zwischen partikularen Solidaritäten und der notwendig gewordenen ”Universalistischen Solidarität der Menschheit" thematisiert. Im zweiten Abschnitt gibt Münch einen Einblick in die gegenwärtigen Prozesse der Globalisierung und ihrer Auswirkungen auf Arbeit, soziale Sicherheit und Umweltnutzung. Hier bindet der Autor auch kritische Reflexionen zum Multikulturalismus, dem er "pluralistische Gesellschaften" mit einem "reichhaltigen Assoziationsleben" von Bürgern (S. 241) vorzieht. sowie zur Zukunft der Kirchen, welche er allein im "moralisch-ethischen Dialog" gegen destruktive Tendenzen des globalen Marktes sieht (S. 262), ein.

Ein dritter Abschnitt ist der europäischen Integration gewidmet, in der Münch trotz weiterbestehender Partikularismen identitäts- und demokratiebildende Wirkung („Sinnbild für Reichtum, Offenheit, Demokratie und Universalismus", S. 322) ausmacht. Abschließend geht der Soziologe auf das ein, was im Titel des Buches als „Iokale Lebenswelten" bezeichnet wird. Diese - verkörpert in Stadt, Gemeinde und Region - müßten im Rahmen einer ”Mehrebenendemokratie" der sich herausbildenden Weltgesellschaft wieder aufgewertet und in gemeinsamer Anstrengung von Unternehmen, Verwaltung und Bürgern attraktiviert werden („Das Leben am Ort wird wichtiger werden müssen als die Erreichbarkeit jedes beliebigen Zieles irgendwo in der Welt." S. 413). Hier schließt auch an, was Münch mit der "Umstellung von einer Politik der maximalen Verwirklichung individueller Rechte und Interessen zu einer Politik der Gestaltung eines intersubjektiv geteilten und langfristig tragfähigen guten Lebens" (S.23) mehrfach als zentrale Perspektive (s)einer "Dritten Moderne" ausmacht.

Daß er dabei das Zusammenwirken vieler Akteure einfordert und einseitige Schuldzuschreibungen vermeidet (Globalisierung wird als zukunftsoffener Prozeß befürwortet), gibt dem für Nicht-Soziologlnnen nicht immer leicht lesbaren Buch seine Stärke.


H. H.

Münch, Richard: Globale Dynamik, lokale Lebenswelten. Der schwierige Weg in die Weltgesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998. 457 S. (stw; 1342) DM 29,80/ sFr 27,50 / öS 218,-