Wer das voreilig postulierte "Ende der Geschichte" noch nicht gekommen sieht - und die Chancen, dass 'wir angesichts der Krisen und Herausforderungen auch neue Lösungen finden werden (müssen), gilt es zu nützen =, der ist gut beraten, einen Blick auf die Kultur des Islam zu werfen.  Der Autor, ein in Deutschland lebender Muslime, gibt einen engagierten Einblick in die wesentlichen Prinzipien seiner Religion und stellt diese mit einer Reihe trefflicher Argumente als ernst zu nehmenden Gegenentwurf eines vorwiegend von" Effizienz-Ideologie" und wissenschaftlicher Rationalität geprägtem Eurozentrismus vor. Ausgehend von den zentralen Glaubensinhalten des Koran und der Schriften des Propheten, erläutert Hofmann Einwände gegen die anderen monotheistischen Religionen und stellt sechs gewichtige Unterschiede des Glaubens der Muslime heraus. Vor Gott ist jeder emanzipierter Gläubiger, da es keinen Klerus gibt; soziale, lebensweltliche und religiöse Aspekte stellen eine Einheit dar und sind voneinander nicht zu trennen; als "Religion der Mitte" sind die Gebote des Islam auch für den Durchschnittsgläubigen zu erfüllen, und nicht zuletzt ist die Wirtschaft primär auf die Bedürfnisse der Menschen und nicht auf Gewinn hin ausgerichtet. (Dieser im Sinne einer denkbaren Alternative zentrale Bereich hätte es verdient, weiter ausgeführt zu werden, als dies auf wenigen Seiten zur Islamischen Marktwirtschaft der Fall ist.) Die 18 folgenden Kapitel stellen Einzelaspekte wie Glauben und Wissen, Mystik, Bilderverbot und Kunst, Fatalismus und Fundamentalismus, aber auch Aspekte wie Umwelt, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, Bekleidungsvorschriften, Straf- und Völkerrecht u.a. dar. Hofmann, ein Vertreter der sunnitisch gemäßigten Tradition, spart auch nicht mit kritischen Einwänden gegenüber religiösen Eiferern in den eigenen Reihen. Die auf Mäßigung und Toleranz zielende Grundhaltung wird ebenso glaubwürdig vermittelt wie um Verständnis für die Eigenheiten dieser uns so fremden Kultur geworben: Wenn es wie hier gelingt, Vorurteile abzubauen und Raum für angstfreie Begegnung zu schaffen, dann könnten auch Anregungen für die eigene Entwicklung auf fruchtbaren Boden fallen. 

Hofmann, Murad W: Der Islam als Alternative. München: Diederichs, 1992.214 S., DM 19,801sFr 16,80/ öS 154,40