Die kaum gebremste Zunahme der Weltbevölkerung, nicht weniger aber die Ausbreitung des westlichen Wirtschafts- und Lebensstils auf immer größere Regionen machen die Welt zu einer Ansammlung exponentieller Wachstumskurven. Diesen Eindruck muß man gewinnen, wenn man diesen „Atlas Zukunft” durchblättert. Es wachsen die Städte, der Verkehr, die Kapitalströme, der Bedarf an Nahrung, Ressourcen und Arbeitsplätzen, und es wachsen die technischen Möglichkeiten. Doch wo sind die Grenzen? Nur ab und zu schimmern sie durch: beim Verlust der Arten, der Rodung der Wälder, der Verknappung des Trinkwassers.

Internationale ExpertInnen renommierter Institute wurden gebeten, zu insgesamt 35 Themen Zukunftsprognosen für das Jahr 2050 zu wagen. Grafisch exzellent aufbereitet und mit knappen Kommentaren versehen, machen diese den vorliegenden Atlas Zukunft wohl zu einem interessanten Nachschlagewerk, das über eine Fülle von Daten und Zukunftstrends informiert. Die Quellenangaben, Kurzbiographien zu den AutorInnen sowie die Erläuterungen zu den angewandten Prognoseverfahren (Zeitreihen, S-Kurven, Trendsetting-Analysen, Systemmodelle und Szenarien) sollen klarstellen, daß es sich hier nicht um Science-fiction handelt.

Man erfährt über die Zunahme der Internetanschlüsse wie über die der Lebenserwartung, das Aufheizen der Erdatmosphäre durch die Treibhausgase wie das Ansteigen der weltweiten Mobilität (der Ferntourismus wird als größter Wirtschaftszweig und Arbeitgeber der Zukunft gesehen). Wir werden informiert über Raumfahrt, Nanotechnologie und die Fortschritte der Medizin. Von der Zunahme der Zufriedenheit und dem Sinn menschlichen Daseins erfahren wir aber nichts.

Unverkennbar ist der Glaube dieses Zukunftsatlas an technische Machbarkeit . Die gelegentlich eingestreuten ethischen Bedenken tun der Technikfaszination keinen Abbruch. Die Ernährungsfrage wird mittels Gentechnik gelöst, das Bedürfnis nach Mobilität durch Riesenflugzeuge, Elektroautos und Hochgeschwindigkeitszüge. Neben den neuen Kommunikationstechnologien (ihnen ist ein eigenes Kapitel gewidmet) interessiert insbesondere die Manipulation am Menschen selbst: 2030 soll das Herstellen und das Klonen künstlicher Körperteile zur Norm geworden sein, dem florierenden Handel von Transplantationsorganen werden „Fabriken zur Züchtung menschlicher Körperteile” einen Riegel vorschieben; bereits für 2020 wird uns der erste „Androide”, ein menschenähnliches Kunstwesen, vorhergesagt; und 2025 wird zumindest in den Industrieländern die Zahl der Roboter jene der Menschen erstmals übersteigen.

Die Vielzahl der Fakten mag durchaus beeindrucken, den Zukunftsprognosen fehlt jedoch weitgehend die kritische Reflexion, die etwa die Publikationen des Club of Rome oder die Debatten um nachhaltige Entwicklung auszeichnen. Es bleibt den LeserInnen überlassen, wie sie die Szenarien deuten. Vorsicht ist aber auch hinsichtlich mancher Zahlen geboten. Nicht nur scheinen die Bevölkerungsprognosen (10 Mia. Menschen bis zum Jahr 2060) möglicherweise übertrieben (der Rückgang des Wachstums könnte bei entsprechender Entwicklung sinnvoller, regional angepaßter Ökonomien bedeutend schneller geschehen), die Ausweisung vieler Daten (z. B. Energieverbrauch) nur nach Ländern (ohne Berücksichtigung deren Größe) sowie die Angabe lediglich von Prozentzunahmen (ohne Berücksichtigung des Ausgangsniveaus) führen zu Verfälschungen, die den Ressourcenverbrauch des Westens beschönigen und etwa China als gefährlichen Zukunftsgiganten erscheinen lassen.

H. H.

Der Fischer Atlas Zukunft. Hrsg. v. Ian Pearson. Frankfurt/M.: Fischer, 1998. 128 S., DM 25,- / ATS 183,- / sFr 25,-