Es ist heute keineswegs sicher, wie uns der Autor glaubhaft versichert, wann das dritte Jahrtausend beginnt. Zum einen gibt es den Unsicherheitsfaktor verschiedener Varianten der Zeitrechnung, zum anderen haben sich über die Jahrhunderte angeblich Fehler bei der Berechnung eingeschlichen. Zum Glück ergibt sich die Zeitrechnung aber nicht nur aus astronomischen Gegebenheiten, sondern auch durch menschliche Übereinkunft. Runde Zahlen haben offensichtlich noch einen besonderen Reiz, weshalb wir auch dabei bleiben: das neue Millennium beginnt am 1.1.2000.

Die Gründe für die Faszination eines bestimmten Datums sieht der Volkswirt Martin Bauer in der stark von Zahlen beeinflußten jüdisch-christlichen Denkweise. Verbunden damit ist die geschichtlich überlieferte Bedeutung von 1000 Jahren-Abschnitten, etwa in der „Geheimen Offenbarung“ des Johannes. Zeitenwenden rufen immer auch religiöse Psychosen hervor. So bietet eine britische Gesellschaft für besonders Ängstliche sogar einen Versicherungsschutz gegen „unbefleckte Empfängnis und die Verwandlung in einen Werwolf” (S. 28) an. Nach umfangreichen Quellenstudien steht allerdings für den Autor fest, „daß sich die christliche Welt bei der ersten Jahrtausendwende nicht existentiell bedroht fühlte” (S. 38), obwohl eine kleine Gruppe offentsichtlich Interesse daran hatte und wieder hat, den Mythos vom Weltuntergang wachzuhalten.

Prophezeiungen aller Art (von Nostradamus bis Johannes von Jerusalem) stehen an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend hoch im Kurs. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, wenn etwa behauptet wird, daß Teile der USA im Meer versinken, der Golfstrom seine Bahn ändern und die Pole sich verlagern werden. Was eben fasziniert, ist die Darstellung der Apokalypse, die Beschreibung blühender Landschaften würde, so Bauer, keinen Menschen interessieren. Neben einem Blick auf diese düsteren Beschreibungen der Zukunft beschäftigt sich der Autor auch mit dem Y2K-Problem (ausführlich in PZ 4/1998) und modernen Prophezeiungen etwa eines Rainer Holbe, für den Luftkissen die Technologie der Zukunft sind, und der der festen Überzeugung ist, daß in absehbarer Zeit ein Impfstoff gegen AIDS gefunden sein wird.

Der Autor selbst hält sich mit Voraussagen zurück. Ganz kann er sich aber der Trendprognosen für die Zukunft nicht versagen. Er hofft beispielsweise, daß es wieder Arbeit für alle geben wird, wenn die Umstellung vom Maschinen- zum Informationszeitalter vollzogen ist. Die größten Veränderungen sieht er auf die Weltwirtschaft zukommen. Das Internet wird sich weltweit zum führenden Markt für Güter und Dienstleistungen entwickeln. Bereits heute verkauft etwa die Firma Dell über das Internet Computer im Wert von drei Millionen Mark pro Tag. Der amerikanische Lebensmittelhändler „Peopod” hatte Mitte 1997 an die 45.000 Kunden und kein einziges Geschäft. Insgesamt eine kurze, nicht allzu tiefgründige Einstimmung auf den nächsten Jahreswechsel. A. A.

Bauer, Martin: Stichwort Jahrtausendwende. München: Heyne, 1998. 95 S. (Heyne Sachbuch; 19/4108) DM / sFr 12,90 / öS 94,-