Werner Mittelstaedt

Wie das Unmögliche möglich wird

Online Special
Wie das Unmögliche möglich wird

„Genaugenommen kann etwas Unmögliches niemals möglich werden. Doch vieles, was uns heute als unmöglich erscheint, ist objektiv betrachtet durchaus machbar – und damit auch denkbar. Gleichzeitig können wir nicht ausschließen, dass das, was derzeit als unmöglich gilt, durch Neuentwicklungen eines Tages doch realisierbar wird.“ (S. 38) So der Zukunftsforscher Werner Mittelstaedt in seinem neuen Buch „Wie das Unmögliche möglich wird“. Der Autor beschreibt darin aktuelle Herausforderungen sowie Zukunftsansätze zu acht Themenfeldern. Diese reichen von der Wachstumswende, der Klimakrise und „echter Nachhaltigkeit“ über Atomwaffen und militärische Aufrüstung, Migration und Demokratie bis hin zu Bildung und neuen Belohnungssystemen. Dabei kommen auch Themen wie Künstliche Intelligenz, neue Medien sowie neue rechtspopulistische Bewegungen zur Sprache.

Wie gestalten wir lebenswerte Zukünfte? Wie bündeln wir die vielen kleinen Lösungen für Klimagerechtigkeit zu einer kraftvollen, globalen Strategie? Und wie gewinnen wir politische Akteure, wirtschaftliche Institutionen und eine deutliche Mehrheit an Menschen für die große Transformation hin zu echter Nachhaltigkeit? Diese Fragen stellt sich und uns Werner Mittelstaedt. Zu lange hätten wir uns darauf beschränkt, Krisen zu verwalten, statt mutig voranzugehen, ist der Autor überzeugt: „Was wir brauchen, ist ein neues Narrativ des Fortschritts –  eines, das konkrete Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit gibt und nachhaltige Lösungen vorantreibt.“ (S. 11)

Skizzen für ein neues Fortschrittsnarrativ

Mittelstaedt ergänzt seine Befunde und Maßnahmenvorschläge durch neun „Skizzen für ein neues Fortschrittsnarrativ“. Die erste bezieht sich auf langfristiges Denken in der Politik. Ein wirksamer Ansatz besteht laut Mittelstaedt darin, „zentrale gesellschaftliche Zukunftsziele in den jeweiligen Verfassungen zu verankern, um politischen Handlungsdruck zu erzeugen.“ (S. 39) Die Wachstumswende und ihre Hürden beschreibt der Autor am Beispiel der globalen Auto-, Textil- und Lebensmittelindustrie. Notwendig seien neben dem Umstieg auf E-Mobilität ein leistungsfähiger, attraktiver Öffentlicher Verkehr (Skizze 2) mit dem Deutschlandticket als Vorbild sowie der umgehende Abbau der Subventionierung fossiler Energieträger bei gleichzeitiger Förderung erneuerbarer Energie (Skizze 3). Mit zahlreichen vom Autor genannten Maßnahmen soll die Wachstumswende erreicht werden – die Beispiele reichen dabei von der Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie bis hin zum Bruttonationalglück in Bhutan. Mit Klimaschutzprojekten im globalen Süden könnten Win-Win-Effekte (Skizze 4) erzielt werden, mit dem kulturellen Wandel die Wachstumswende beschleunigt werden (Skizze 5). Ebenso wichtig seien Klimawandelanpassungsmaßnahmen – etwa in Städten oder in der Landwirtschaft (Skizze 6).

„Echte Nachhaltigkeit“ und Rückkehr zu Rüstungskontrolle

Unter „echter Nachhaltigkeit“ subsumiert Mittelstaedt u. a. die Regeneration der Ökosysteme sowie den Stopp des Artensterbens (Skizze 7). Anstatt in den derzeitigen Rüstungswettlauf einzustimmen, müssten wir die Staatenlenker:innen zu neuen Rüstungskontrollgesprächen anhalten (Skizze 8). Die Rettung der „liberalen Demokratie“ vor autokratischen Bewegungen (Mittelstaedt plädiert für ein Verbot der AfD) sowie ein Bildungssystem, das der Verführbarkeit durch Demagogen vorbeugt, lauten schließlich weitere vom Autor benannte Anliegen. Darüber hinaus werden Vorschläge für das deutsche Bildungssystem gemacht, u. a. zu fächerübergreifendem Lernen, ökosystemischem Wissen, Kompetenzen im Umgang mit (sozialen) Medien und Wissen zur liberalen Demokratie (Skizze 9). Unter Belohnungssysteme subsumiert der Autor zuletzt Maßnahmen wie gestaffelte Mehrwertsteuern je nach ökologischer Verträglichkeit der Produkte, die konsequente Verteuerung des CO2-Ausstoßes oder die Begünstigung von Niedrigstromverbrauch.

Resümee: „Machen wir nicht, was möglich ist, sondern machen wir das Notwendige möglich“ – so die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb. Werner Mittelstaedt liefert mit seinem neuen Buch zahlreiche Anregungen dazu. Er spricht eine Vielzahl an Themen an, zitiert dazu Befunde aus einschlägigen Studien, betont die Irreversibilität ökologischer Krisen, warnt vor gesellschaftlichen Brüchen und versammelt bekannte und weniger bekannte Maßnahmenvorschläge. Der Autor argumentiert auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und lädt dazu ein, sich selbst – auch politisch – einzubringen. Kleiner Hinweis an den Verlag: Mehr Zwischenüberschriften würden der Lesbarkeit des Buches förderlich sein – umso mehr, als dieses sehr unterschiedliche Aspekte der Zukunftsgestaltung anspricht.