Im Allgemeinen wird unter dem Begriff Fortschritt eine soziale, politische, ökonomische, vorwiegend technologisch fundierte Weiterentwicklung und Besserstellung für menschliche Gesellschaften und die sie bildenden Individuen verstanden. Heute präsentiert sich der Begriff als komplexe, vieldeutige und auch widersprüchliche  gesellschaftliche wie philosophische Kategorie. Bis in die 1990er Jahre des vorigen Jahrhunderts prägte Fortschrittsgläubigkeit die Denkweise der Menschen in den westlichen Industriegesellschaften. Der Glaube an den steten Fortschritt in Wissenschaft und Technik hat inzwischen der Ernüchterung, Skepsis und auch Verunsicherung Platz gemacht. Heute stellt sich für die Menschen in den Industriegesellschaften des Nordens die Frage, wie angesichts der zahlreichen Krisensymptome Fortschritt neu zu definieren sei, so Werner Mittelstaedt.

 

Er definiert das „Prinzip Fortschritt“ als Denkweise, die erforderlich ist, um die besten Lösungen für eine Vielzahl schwieriger gesellschaftlicher Herausforderungen und Krisen zu finden. Eine zeitgemäße Wahrnehmung globaler Probleme, ein erweiterter Verantwortungsbegriff und eine stärkere Hinwendung zum Humanismus seien dafür unabdingbar, ist der Herausgeber der seit 1981 erscheinenden Zeitschrift „Blickpunkt Zukunft“ überzeugt. Die zentrale These des vorliegenden Buches zielt auf die Etablierung eines neuen, nachhaltigen Fortschrittsmusters, das von der Verantwortung des Einzelnen für die Verbesserung der Lebens- und Überlebensmöglichkeiten der menschlichen Zivilisation getragen wird. Dafür müssten viele Wert- und Handlungsmuster geändert werden, meint der Zukunftsforscher. Menschen dürften vorrangig nicht ihren ökonomischen Nutzen im Blick haben oder darauf reduziert werden, sondern müssten an der Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft teilhaben (können). Fortschritt, der eine gelingende Zukunft im Fokus hat, würde den meisten Menschen die wirklich wichtigen Dinge vermitteln. Was aber wäre konkret zu tun, um dieses hehre Ziel zu erreichen?

 

Im vorliegenden Band werden zunächst die Triebkräfte des immer noch dominierenden Fortschrittsmusters im Kontext lokaler und globaler Entwicklungstrends beschrieben, analysiert und kritisch kommentiert. Eine Schlussfolgerung des Autors daraus ist, dass diffuse Sicherheitsbedürfnisse, das Ausgrenzen von Menschen, die nicht zur so genannten „gesellschaftlichen Mitte“ gehören und die Zunahme sozialer Kälte immer mehr den Alltag prägen“ (S. 13). Zudem wendet sich Mittelstaedt gegen die Ökonomisierung fast aller Lebensbereiche durch das bestehende Fortschrittsmuster (S. 14).

 

Kritisch beleuchtet der Autor u. a. Themen wie Neoliberalismus, Massenmedien und die Zerstörung der Biosphäre durch den Menschen.

 

Der Entstehungsgeschichte des Fortschrittsgedankens ist der zweite Teil des Buches gewidmet, um anschließend Konturen eines nachhaltigen Fortschrittsmusters zu entwerfen. Dieses müsste Wert- und Handlungsmuster für sämtliche gesellschaftlichen Institutionen und für jeden einzelnen Menschen beinhalten und somit zur Reduzierung von Krisen und Katastrophen der globalen Zivilisation beitragen (vgl. S. 143).

 

Die Forderungen bleiben indes meist zu allgemein. Der Wunsch nach einer Einsparung bei Militärausgaben (diese betrugen 2005 laut „Official Development Assistance“ weltweit rund eine Billion US-Dollar im Vergleich zu den Ausgaben für Entwicklungshilfe von 83 Mia. Euro im Jahr 2006) zugunsten von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit, das Eintreten für politische Teilhabe oder der Appell für gesellschaftliche Akzeptanz und Integration von Minderheiten: sie alle sind zu begrüßen, kurz- und mittelfristig aber kaum umzusetzen.  Ein nachhaltiges Fortschrittsmuster im Sinne des Autors stellt sich nicht von selbst ein. So ist dieser Beitrag vor allem ein Appell zu einer „zweiten Aufklärung“, in der nicht Expansion, sondern Begrenzung, nicht Nationalismus, sondern Weltbürgertum, nicht Patriotismus, sondern Weltbewusstsein, nicht Dogmatismus, sondern Freiheit im Denken, nicht Trennendes, sondern Verbindendes, nicht Quantität, sondern Qualität den Ton des neuen Fortschritts vorgeben. A. A.

 

Mittelstaedt, Werner: Das Prinzip Fortschritt. Ein neues Verständnis für die Herausforderungen unserer Zeit. Frankfurt/M. (u. a.): Lang, 2008. 201 S., € 19,80 [D], 20,40 [A], sFr 29,-

 

ISBN 978-3-631-57527-7