
Die Menschheit ähnelt in mancher Hinsicht Bananen stärker als Schimpansen – mit dieser humorvollen These beginnt „Aufstieg und Fall der Menschheit“. Henry Gees 2025 erschienenes Buch erzählt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschheit, von ihrem spektakulären Aufstieg und bevorstehendem Niedergang. Der renommierte Paläontologe und Nature-Redakteur präsentiert eine provokante These: Erstmals seit über zehntausend Jahren verlangsamt sich das Bevölkerungswachstum signifikant. Mitte dieses Jahrhunderts wird die Weltbevölkerung schrumpfen, und Gee argumentiert, dass unsere Spezies auf direktem Weg zum Aussterben ist.
Die Menschheitsgeschichte war evolutionär gesehen erstaunlich kurz
„Hinter jedem lebenden Menschen stehen 30 Geister“ (S. 69, zitiert nach Arthur C. Clark) – dieses Zitat aus „2001: Odyssee im Weltraum“ macht Gee greifbar, indem er darlegt, dass die Menschheitsgeschichte angesichts ihrer Entwicklung evolutionär gesehen erstaunlich kurz und erstaunlich erfolgreich war: Die ältesten Fossilien von Homo sapiens sind etwa 300.000 Jahre alt. Menschliche Populationen waren selten und wiesen sowohl zeitlich als auch räumlich eine große Variabilität auf. Obwohl kleine Gruppen eher durch Inzucht gefährdet sind und Zufallsereignissen leichter zum Opfer fallen, eroberte unsere Art ausgehend von kleinen, örtlich weit voneinander entfernten Populationen in Afrika den gesamten Planeten. Bis heute leidet die Menschheit unter diesem sogenannten „Gründereffekt“ (S. 114), der die Anfälligkeit für dieselben Krankheiten erhöht: In einer kleinen Gruppe wild lebender Schimpansen gibt es mehr genetische Variation als in der gesamten menschlichen Bevölkerung.
Eine Erfolgsgeschichte
Nichtsdestotrotz blickt die Menschheit auf eine Erfolgsgeschichte zurück. Ihr Aufstieg geht einher mit einer „grünen Revolution“, der zunehmenden Erschließung der Landwirtschaft und dem Anbau von Nutzpflanzen. Darüber hinaus trugen medizinischer Fortschritt und der höhere Bildungsgrad von Frauen sowie deren gestiegene Beteiligung am Arbeitsmarkt zu immer mehr Wohlstand bei. Doch dieser Wohlstand stößt an seine Grenzen. Während die Bevölkerung in den 1960er Jahren jährlich um durchschnittlich 2,24 Prozent wuchs (vgl. S. 132), ist die Wachstumsrate mittlerweile auf 0,88 Prozent gesunken. Dadurch ergibt sich für die Zukunft ein anderes Bild: Klimawandel, schrumpfende Wirtschaftssysteme, weltweit sinkende Geburtenraten und ein wissenschaftlich noch unerklärlicher Rückgang der Spermienzahl bedrohen unsere Zukunft grundlegend. Wasser, Ackerland und saubere Luft werden zunehmend knapp, neue Krankheiten und geopolitische Konflikte gefährden unsere Existenz weiter.
Dies hat zur Folge, dass die Zahl der homo sapiens erstmals in seiner Geschichte rückläufig ist. Prognosen gehen davon aus, dass sich die Bevölkerung einiger Länder innerhalb eines halben Jahrhunderts halbieren wird. Gee warnt in diesem Zusammen eindringlich vor genetischer Verarmung und Isolation – Vorgänge, welche die Menschheit während ihres Aufstiegs bereits mehrfach bis an den Rand ihrer Existenz gebracht haben und die Anfälligkeit für Krankheiten erhöhen.
Doch Gee skizziert mögliche Auswege. Seine Hauptlösung – wenn auch angesichts großer Herausforderungen nicht die ideale Lösung - ist die Kolonisierung des Weltraums innerhalb des engen Zeitfenster von den kommenden zwei Jahrhunderten. Er schlägt verschiedene Szenarien vor: Raumstationen, Mondkolonien, Marsbesiedlung oder ausgehöhlte Asteroiden als Lebensräume. Die räumliche Isolation würde genetisch unterschiedliche Subpopulationen schaffen, die sich mit irdischen oder anderen Weltraumpopulationen kreuzen könnten – ähnlich wie einst verschiedene Homo-Arten die genetische Vielfalt erhöhten. Parallel dazu fordert Gee radikale Veränderungen auf der Erde: vollständigen Verzicht auf Fleischkonsum, direkten Verzehr von Pflanzen statt durch Tiere gefilterter Nahrung, Entwicklung künstlicher Photosynthese und Umwandlung von Abfällen in Nahrungsmittel. Diese Maßnahmen sollen die Ressourceneffizienz dramatisch steigern.
Gees Blick ist jedoch realistisch. Weltraumkolonisation erfordert noch unerforschte Technologien, wie etwa selbsterhaltende Habitate, Weltraummedizin, künstliche Nahrungsproduktion. Niemand wurde je im All schwanger oder gebar dort. Rechtliche Hürden müssten überwunden werden.
Die Menschheit steht am Scheideweg
Mit wissenschaftlicher Präzision und überraschendem Humor präsentiert Gee seine Vision: Die Menschheit steht am Scheideweg. Nur durch außergewöhnlichen Einfallsreichtum, globale Zusammenarbeit und den Mut, unseren Planeten zu verlassen, können wir das Aussterben abwenden. „Denn wenn du es nicht tust, gibt es auf der Erde vielleicht niemanden mehr, dem du zurückwinken kannst“ (S. 34).








