Wenngleich Begriffe wie "Partizipation" und „Bürgernähe" neue Gesichtspunkte in die aktuelle Diskussion einbringen, so hat die Forderung nach einer grundsätzlichen Reform bis hin zur radikalen Kritik der Verwaltung Tradition. Schon Balzac schilderte die vergebliche Mühe, bürokratische Sümpfe auszutrocknen, und in anarchistischer Manier forderte Bakunin 1873 die "Zerschlagung staatlicher Herrschaftsapparate". Gegenüber derart drastischem Ansinnen nehmen sich die aktuellen Wünsche nach einer Neuregelung des Verhältnisses zwischen Bürger und verwaltender Obrigkeit geradezu bescheiden aus.

Der von Dieter Grunow - der Autor ist Politik- und Verfassungswissenschaftler an der GHS Duisburg - vorgelegte Forschungsbericht zeigt, daß selbst naheliegende Ziele auf diesem Terrain nur mühsam zu erreichen sind. Ein umfassender, bis in die 70er Jahre zurückreichender Katalog von Empfehlungen und Erlässen unterschiedlicher bundesrepublikanischer Instanzen belegt zwar guten Willen, die konkreten Erfolge machen jedoch kaum von sich reden. Reformen kommen im besten Fall schleppend voran und werden von der Öffentlichkeit allenfalls am Rande wahrgenommen. Ja mehr noch: "Die diffusen Kritikzuschreibungen gegenüber ,dem' Staat nehmen tendenziell zu: Es gibt kaum einen Bereich, für den der Staat nicht verantwortlich gemacht wird ... "

Die Studie belegt, daß Beamte nachweislich freundlicher im Kontakt mit 'Bürgern geworden sind, zeigt aber auch, daß die örtliche und personelle Aufsplitterung der Verfahrensabläufe Anlaß zur Kritik gibt. Nachhaltig warnen die Autoren vor übereiltem EDV-Gebrauch im Umgang mit den Klienten und empfehlen dagegen, den Stellenwert des Personals mit Publikumskontakt zu verbessern. Die Anforderungen an Recht-, Zweckmäßigkeit und Sparsamkeit lassen aber bei der Umsetzung das "bürokratische Dilemma" erkennen.

Um die Qualität der Beziehungen zum Bürger zu verbessern, gilt es vor allem

(1) dessen Bedürfnisse und Anliegen zum wichtigsten Bezugspunkt des Verwaltungshandelns zu machen, 

(2) die kommunikationsbezogenen Fähigkeiten der Klienten verstärkt zu berücksichtigen,

(3) die Kooperationsbereitschaft der Bürger zu nützen und

(4) die (Un)Durchschaubarkeit des administrativen Gesamtsystems durch den Außenstehenden zu beachten.

Die wachsende Bedeutung sozialer Aktionsgruppen, Bürgerinitiativen und Selbsthilfeorganisationen wird nur am Rande erwähnt. Vielfältige Formen persönlicher Eigenständigkeit als Antwort auf das wachsende Unbehagen am "Verwaltungsstaat" lassen auch die Autoren von einem "weiteren Schritt in der Entfaltung des problematischen Verhältnisses von Bürger und Verwaltung sprechen. Auf diese Entwicklung angemessen, d. h. in erster Linie flexibel, zu reagieren, ist den politischen Entscheidungsträgern und ihren Sachwaltern aufgegeben.

Grunow, Dieter: Bürgernahe Verwaltung. Theorie, Empirie, Praxismodelle. Unter Mitarbeit v. Birgit Nothbaum-Leiding u. Norbert Wohlfahrt. Frankfurt/ Main (u. a.): Campus, 1988. 204 S. DM 30,-/ sfr 25,40/ öS 234,-