Das "Jahrhundert des Kindes", von dem die schwedische Pädagogin Ellen Kay erwartungsvoll sprach, hat sich als Illusion erwiesen. Die Hoffnungen auf eine kindgerechte, gewaltfreie und friedfertige Welt ist neuen, oft verdrängten und doch massiv vorhandenen Ängsten gewichen, die gerade von Kindern deutlich empfunden und ausgesprochen werden.

Die Autoren beschäftigen sich im ersten Teil dieses Buches mit den Dimensionen des Kindseins in unserer Zeit und weisen nach, welche Bedeutung die Angst, das Spiel, die Struktur der Familie sowie die (elektronischen) Medien für Jugendliche haben. Sie kommen u. a. zu dem Ergebnis, daß durch das "atomistische Denken" der "Verlust der 'Mitte" zu beklagen ist, den Sedlmayer kulturkritisch geortet hatte. Die "Technisierung der Kindheit" wird für die zunehmende Aggression und Destruktivität (nicht nur) gegenüber Erwachsenen verantwortlich gemacht. Eine detaillierte Darstellung und Analyse des von den Autoren durchgeführten Milland Report 1985 findet man im zweiten Abschnitt des Buches.

Grundlage der Untersuchung sind die Meinungen von insgesamt 4214 Jugendlichen im Alter von 14-15 Jahren aus 15 Ländern Ost- und Westeuropas, Australiens und Israels. Die Befragung war 10 Tage vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl abgeschlossen, die Jugendlichen standen also nicht unter aktuellen Einflüssen. Die erste der 12 Fragen bezog sich auf den Film „The Day After", den allerdings nur wenige gesehen hatten. Weiter ging es um Atomkrieg, Atomwaffen, "Krieg der Sterne", Umweltzerstörung, Friedensarbeit etc.

Ebenso interessant wie die teils signifikanten geschlechtsspezifischen, sozialen und staatlichen Unterschiede sind die Reaktionen seitens der Ministerien, Schulen oder Elternvereine. In der BRD gab es die größten Widerstände der Behörden, Norwegen, das Land des Friedensnobelpreises, Dänemark, Holland sowie etliche sozialistische Länder' erteilten den Autoren glatte Absagen. Die Durchführung der Befragung gelang hier nur durch den Einsatz einzelner Lehrer, Ärzte, Psychologen und auch Pfarrer, die nicht um ihre Stellen fürchteten. So ist auch die Zivilcourage eines Lehrers aus Österreich hoch zu werten, der als einziger mit seiner gesamten Klasse den Film "The Day After" besucht hat.

Solange Erwachsene sich gegen solche ernsthaften Umfragen stellen, sich blind und taub zeigen gegen die Gefühle und Wünsche der kommenden Generation(en), haben Kinder und Jugendliche keine Vorbilder, die ihnen einen Weg zeigen zum Frieden in der Familie, im eigenen Land und in der Welt.

Biermann, Gerd u. Renate: Die Angst unserer Kinder im Atomzeitalter. Frankfurt/M.: S. Fischer, 1988. 147 S. DM 7,80/ sfr 6,60/ öS 60,80