Mexico City, die bevölkerungsreichste Stadt der Welt, zählt gegenwärtig 18 Mio. Menschen - 2025 werden es 36,7 Mio., also mehr als doppelt so viele sein. Das ist freilich nur die Spitze des Eisbergs, denn in knapp 40 Jahren wird es weltweit mehr als ein Dutzend Großstädte mit Einwohnerzahlen über 20 Mio. geben. Bereits 1984 wurden jede Minute 234 Babys geboren: 136 in Asien, 41 in Afrika, 23 in Lateinamerika und 34 in allen modernen Industriestaaten zusammengenommen.

Die Zahlen vermitteln in ihrer Abstraktheit vielleicht eine Ahnung von der ungeheuren Dynamik des Bevölkerungswachstums. Die individuell-menschliche Problematik und die soziale Dimension dieser Entwicklung bleiben dahinter verborgen. Schweizer gelingt es jedoch, sie eindrucksvoll zur Sprache zu bringen. Vor dem Hintergrund der Stadtentwicklung in Europa schildert er authentisch, lebendig und überzeugend die weltweiten Auswirkungen ungezähmter Industrialisierung, die auch als Ursache der Krise der Städte anzusehen ist. Fünf Fallstudien indischer und afrikanischer Metropolen zeigen trotz erheblicher Differenzen im Detail, daß die enormen Probleme der Ballungszentren zumindest in den Entwicklungsländern dieselbe Wurzel haben: Feudalistische Strukturen, die verschwenderischen Reichtum einiger weniger auf Kosten der Armen ermöglichen, verbinden sich mit falschem Imponiergehabe der politischen Elite und einer "Entwicklungspolitik", die diesen Namen im allgemeinen nicht verdient. Profitgier, die einmal im Gewand der Barmherzigkeit, einmal im Versprechen allgemeinen Fortschritts auftritt, läßt industrielle Großprojekte im Umkreis der Ballungszentren entstehen.

Der soziale Ausgleich zwischen Stadt- und Landbevölkerung (durch Bodenreformen, angepaßte Technologien u. a.) wird nur in Ausnahmefällen angestrebt. Teilerfolge wie in Kuba oder der VR China bilden die Ausnahme. Der Autor führt überzeugend den Nachweis, daß das soziale Elend nicht im Bevölkerungswachstum begründet ist, sondern umgekehrt, unmenschliche soziale Verhältnisse eine vernünftige Geburtenregelung verhindern. Das Buch schließt mit einem Blick auf die Krisensymptome der "europäischen" Stadt, wobei besonders vor der weiteren „Amerikanisierung" unserer Metropolen gewarnt wird (während man in den USA bereits eine zunehmende Aktivierung der Stadtzentren beobachten kann). Hier wie dort gilt es, an die Stelle konsumorientierter Verschwendungsmentalität menschen- und nicht autogemäße (t) Alternativen zu erproben. Ansätze dazu gibt es viele: Die Vision einer Stadt, in der es sich frei atmen ließe, ist heute - wenn auch unter anderen Vorzeichen - nicht weniger aktuell als in alten Zeiten. lm Anhang findet man Karten und Tabellen zur aktuellen Bevölkerungsstatistik sowie Prognosen über die weitere Entwicklung der Ballungszentren.

Schweizer, Gerhard: Zeitbombe Stadt. Die weltweite Krise der Ballungszentren. Stuttgart: Klett-Cotta, 1987.349 S.

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