Der Begriff "Völkermord" bezeichnet die "planmäßige Ausrottung einer Gruppe von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Rasse, einer Ethnie oder einer Religionsgemeinschaft". Es ist eine traurige Tatsache, daß die bloße Entsendung von Blauhelmen oder die Verabschiedung von UN-Resolutionen zur Verhinderung solcher Exzesse gegen die Menschlichkeit nicht hilft. Die privat organisierte internationale Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" versucht mit diesem Report die Macht der Worte gegen den täglichen Wahnsinn der Bilder zu stellen.

Am Beispiel von fünf Krisengebieten (Burundi, Ruanda, Zaire, Haiti und Bosnien) wird die unheilvolle Verstrickung politischer und ethnischer Konflikte ebenso aufgezeigt wie das Scheitern der Unabhängigkeit und fehlgeschlagene Versuche einer politischen Öffnung. Im Abschnitt "Standpunkte" wird der fluchtbedingte Mangel an Lebensmitteln thematisiert und die gravierendsten Krankheiten in den Ländern des Südens benannt. Jährlich sterben weltweit 50 Mio. Menschen, davon 17 Mio. an Infektionskrankheiten. Allen Beiträgen ist eine scharfe Kritik an humanitärer Hilfe der UN-Organisationen qemein.

So stellt der Generalsekretär der Organisation "Arzte ohne Grenzen", Alain Destexhe, die Monopolisierung der Hilfe als Fehler dar, da so vielfach "moralisches Engagement und politisches Handeln verdrängt würden". "Den Opfern das Essen durchs Fenster reichen, ohne die Mörder aus dem Haus zu vertreiben ... , das sind weiß Gott keine humanitären Handlungen." Als Beispiel für die Doppelzüngigkeit und Drückebergerei der internationalen Gemeinschaft in Notsituationen wird Burundi genannt. Der später mediengerecht servierten humanitären Geste bedienen sich dann die Mächtigen gerne, die nichts anderes ist, "als ein zynisches Versteckspiel hinter einer technologisch perfektionierten Maschinerie humanitärer Nothilfe, mit dem sich die achselzuckende Hilflosigkeit der Politik trefflich kaschieren läßt".

Abschließend bietet ein Weltatlas mit über 40 kommentierten Welt- und Regionalkarten eine zusammenfassende Untersuchung der wichtigsten Probleme - von einzelnen Konfliktregionen über Flüchtlingsströme bis hin zur Hungersituation, der weltweiten Malaria-Resistenz und der Situation der Landwirtschaft im Sudan. Dieser Report sol/te v. a. als eindringliche Mahnung an die Politik verstanden werden, immer auch konkrete Lösungen der Krisensituation im Auge zu behalten.

A. A.

Völker in Not. Mit einem humanitären Atlas. Hrsg. v. Ärzte ohne Grenzen. Bonn: Dietz, 1995. 223 S. (Dietz TB; 65) DM 24,80/sFr 25,80/ÖS 194,-