Die Debatte um den richtigen Weg in der Tourismuswirtschaft hat in den letzten Jahren eine deutlich andere Richtung bekommen. Mitte der achtziger Jahre stand noch die kompromißlose Kritik am "harten Tourismus" im Zentrum der Argumentation der Vertreter der "sanften" Variante, vermittelt vor allem über die Beschreibung der Regelhaftigkeit von Zerstörung, Unterwerfung und Vereinnahmung von Land und Leuten, beispielhaft persifliert durch die "Piefke Saga". Heute dagegen ist zunehmend "die Suche nach neuen Wegen", so der Autor, das Ziel der Befassung mit dem Thema Tourismus. Und das ist gut so. Denn nur mit den Betroffenen, also sowohl den "Bereisten" als auch den "Reisenden" sind Lösungen möglich. Kramer räumt dabei ein, daß es zur Verwirklichung "nachhaltiger Strukturen" in den Tourismusregionen keine allgemeingültigen Rezepte gibt. Ein Allgemeinplatz, zugegeben, der standardmäßig bei allen anderen zur Lösung anstehenden Problemen ebenso Gebrauch findet. Nach einer ausgiebigen Befassung mit Historie und Grundlagen des Tourismus schlägt der Verfasser des Buches "Der sanfte Tourismus" eine Art ”Neomerkantilisrnus" für die Fremdenverkehrsregionen vor. Statt Fremdenverkehrspolitik solle eine neue ”Regionalpolitik" betrieben werden. Träger touristischer Unternehmungen sollen in Zukunft Dorfgemeinschaften statt multinationaler Konzerne werden. Nur so lasse sich Fremdbestimmung verhindern. An die Stelle synthetischer Welten, erzeugt von industriellen Anbietern nach Art von Disneyland, soll ein kleinmaßstäblicher "handwerklicher" Tourismus treten. Zurecht verweist der Autor darauf, daß es unter den heutigen Bedingungen, jedenfalls in den Tourismusregionen der "entwickelten" Welt, gar nicht mehr um "Entwicklung" im klassischen Sinn gehen kann, sondern viel mehr um "Sicherung von Lebensmöglichkeiten". In Anlehnung an die Grundsicherungsdebatte fordert Kramer ”Lebensplätze" statt Arbeitsplätze, auch im Tourismusgewerbe. Ein wichtiges Mittel zur Verwirklichung seines neumerkantilen Ansatzes sieht der derzeit am Goethe-Institut München tätige Wissenschaftler im regionalen Finanzausgleich. Daneben müsse es aber auch um eine Aufwertung touristisch hochwertiger Angebote als ”Premiurnprodukte" gehen. Letztendlich müsse auch im Tourismus gelten, was in anderen Wirtschaftssektoren akzeptiert werde: Qualität hat ihren Preis. Erste Ansätze für einen "regionalen Neomerkanitilismus" in der Tourismuswirtschaft gibt es bereits. Etwa das "Biospärenreservat Rhön", Unter dem Motto "Aus der Rhön - für die Rhön" werden nun schon seit 1992 kleine Kreisläufe zum Erhalt der Wertschöpfung in der Region aufgebaut. Die meisten Aspekte des Buches werden der Mehrzahl der Leser bekannt vorkommen. Viel Neues hat Dieter Kramer auch nicht zu bieten. Der Buchtitel "Aus der Region für die Region" ist vor allem im Bemühen um eine Ökologisierung der Landwirtschaft längst schon zum geflügelten Wort geworden. Nichtsdestotrotz sind die Thesen Kramers richtig und sollten Schritt für Schritt als Gegengewicht zur ”Globalisierung" nicht nur in der Tourismuswirtschaft in die Tat umgesetzt werden. E H.

Kramer, Dieter: Aus der Region - für die Region. Konzepte für einen Tourismus mit menschlichem Maß. Wien: Deuticke. 1997. 224 S.