Ist die Theaterarbeit des Brasilianers Augusto Boal ein brauchbares Instrument der Erwachsenenbildung auch in unseren Breiten, und wenn ja, wie wäre ihr zum Durchbruch zu verhelfen? Dies sind zwei der Fragestellungen dieses Bandes, in dem die Autorin, von dem wohl zu Recht ins Treffen geführten Bedarf an integrativen Bildungskonzepten und dem verbreiteten Anspruch identitätsstiftender Seminarangebote ausgehend, zunächst Vorzüge des zugleich psychologisch-therapeutischen wie politischen Ansatzes benennt. Es sind dies die "Förderung kognitiver Differenzierung gesellschaftlicher und individueller Realität", die" Erprobung möglichen Handelns im tatsächlichen Leben" und die in der Gruppe gemachte Beobachtung, "daß persönliche Erfahrung  oft keine Einzelerfahrung ist".

Das "Theater der Unterdrückten", ursprünglich vor konkretem politischen Hintergrund und mit dem Anspruch gesellschaftlicher Veränderung entwickelt, ist für Augusto Boal insofern auch Therapie, indem es "das Lernen über sich selbst fördert". Neuroth beschäftigt sich zunächst mit der "Dialektik von Spiel und Ernst" in der pädagogischen Theaterarbeit, skizziert in der Folge die Theorie Boals, der maßgeblich auch von Bert Brecht und seinem Landsmann Paulo Freire beeinflußt wurde. Daran schließen sich (für den interessierten Außenseiter zu knappe) Darstellungen der wesentlichen Elemente (Zeitungs-, Statuen-, Formen- und Unsichtbares Theater) und Techniken ("Polizist im Kopf" und "Regenbogen der Wünsche") an, doch ist nachvollziehbar, wie diese Bausteine im gruppendynamischen Prozeß wirksam werden und intendierte Veränderungen in Gang setzen können.

Ein Blick auf die Biographie Augusto Boals gibt den Rahmen für eine kurz gefaßte Entwicklungsgeschichte des "Theaters der Unterdrückten" und leitet nach Exkursen zur Bedeutung des Modells in Brasilien und einem internationalen Treffen über zu konzeptionellen Überlegungen und Thesen zur Systematisierung. Der abschließende Blick auf die Praxis im deutschsprachigen Raum verschweigt nicht, daß es trotz grundsätzlich positiver Akzente auch Defizite gibt. So fehlt vorerst noch ein Zentrum, das einen einheitlichen Standard für die Aus- und Weiterbildung sichert, zudem sind die Berichte über aus Workshops, Fremdsprachenunterricht und interkulturellem Austausch oft zu kurz und unterschiedlich. Das mindert freilich weder Attraktivität noch Wert des Ansatzes, von dem Augusto Boal in einem abschließenden Interview selbst Zeugnis ablegt.

W Sp.

Neuroth, Simone: Augusto Boals "Theater der Unterdrückten" in der pädagogischen Praxis.

Weinheim: Dt. Studien-Verlag, 1994. 144 S., DM 28,- / sFr 28,-/ÖS 219,-