Der Soziologe Paul Kellermann leistet mit diesem Sammelband einen Beitrag zur lebhaften Diskussion über einen neuen, den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen angepassten Arbeitsbegriff. Vor allem drei gängigen Positionen, die von Praxis, Politik und Wissenschaft immer wieder diskutiert werden (vgl. etwa Lafontaine, Rau, Dahrendorf, Gorz), gilt seine Kritik: den Auffassungen, dass die Arbeit immer weniger werde, dass der verbliebene Rest "gerecht verteilt" werden müsse und dass Arbeitszeitverkürzung ein adäquates Instrument dazu sei. Solchen Argumenten liegt ein verkürzter Arbeitsbegriff zugrunde, nämlich einer, der Arbeit auf Erwerbsarbeit bzw. Lohnarbeit reduziert. Dieses Defizit analysiert Kellermann als Problem der selektiven Wahrnehmung. Dem gegenüber muss jede Arbeit, egal, wessen Interessen jeweils involviert sind, als jenes Handeln identifiziert werden, das soziales Leben sichert und weiterentwickelt. Zur Präzisierung dieser Prämisse definiert er den Begriff der "gesellschaftlich notwendigen Arbeit" aus der Marxschen Wertlehre um. Aus dieser veränderten Perspektive wird erkennbar, dass die Arbeit keineswegs ausgeht, sondern dass zur Bekämpfung sozialer, ökologischer u.a. Krisen sehr viel mehr Arbeit nötig wäre, als heute in diesen Bereichen geleistet wird. Die Auffassung, dafür stehe nicht genügend Geld zur Verfügung, wurzelt in der" Geldideologie " moderner Industriegesellschaften: Geld wird als Ware, als Wert an sich betrachtet, nicht als Mittel zur Organisation von Arbeit. Mit gezieltem Geldeinsatz ließe sich sehr wohl eine andere Arbeitsstruktur verwirklichen. Kellermann diskutiert auch die historische Trennung von "höherer" und" niedriger" Arbeit und die Problematik der reinen Tauschwertproduktion. Den Zusammenhang zwischen Arbeit und Bildung stellt er anhand möglicher Zukunftsszenarien für die österreichischen Universitäten dar. Den Abschluss des Sammelbandes bilden einige Manuskripte, die während einer Gastprofessur des Autors in den USA entstanden. J. W.

Kellermann, Paul: Gesellschaftlich erforderliche Arbeit und Geld. Über den Widerspruch von Erwerbslosigkeit und defizitärer Sicherung der Lebensbedingungen. Klagenfurt: Kärntner Druck- und Verlagsges., 1991. 232 S. (Klagenfurter Beiträge zur bildungswissenschaftlichen Forschung; 22) DM 23,-/ sFr 20,-/ ÖS  180