Der Zusammenbruch des Kommunismus hat nicht nur in den Staaten des (ir)realen Sozialismus tiefgreifende Veränderungen mit sich gebracht, sondern auch nachhaltig auf das Selbstverständnis der europäischen Linken gewirkt. Die Frage, ob mit dem kommunistischen Staatenbegräbnis auch der Schwanengesang des Sozialismus anzustimmen sei, ist gestellt: Als System zwar obsolet und überholt, argumentiert Gorz, bleibt der Sozialismus als Sinnhorizont und emanzipative Utopie unabdingbares Korrektiv des Kapitalismus. Stellt dieser die Gesellschaft in den Dienst der ökonomischen Rationalität, sprich: Profitmaximierung der Wenigen auf Kosten der Vielen, sucht der Sozialismus die Wirtschaft in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, deren Ziel die individuelle und kollektive Selbstorganisation ist. Es kann und muss gelingen, die drohende Drittelgesellschaft(!) durch die Entkoppelung von Einkommen und Arbeitszeit abzuwenden und eine der Muße fähige" Kultur der disponiblen Zeit und der freien Selbstbetätigung zu gründen". Betrug die Jahresarbeitszeit um 1900 durchschnittlich 3000 Stunden, so könnte sie zu Ende dieses Jahrtausends, disponibel gestaltet, auf etwa ein Drittel gesenkt und gleichmäßig verteilt werden, ohne dass damit Produktivität oder Einkommen entscheidend verändert würden. Illusionistisch? Keineswegs, denn Gorz belegt seine Thesen, in deren Zentrum der Begriff der Arbeit steht, mit vortrefflichen Szenarien, was seiner Kritik des vorgeblich "freien Marktes" Gewicht verleiht und die Diktatur der Konsumgesellschaft bloßstellt. Dass darüber hinaus der Imperativ ökonomischer Leistung und der ökologische Sparsamkeitsimperativ im Grunde unvereinbar sind, und langfristig verantwortungsvoll daher nur in das Schrumpfen der Wirtschaft investiert werden kann, sollte wachstumsorientierten Strategen des "ökologischen Umbaus" ebenso zu denken geben wie die abschließend von Otto Kallscheuer aufgeworfene Frage, ob der von Abschottungstendenzen und Nationalismen geschüttelte „Einwanderungskontinent Europa" in der Lage sein wird, sich in eine von neuen Freiheitsrechten geprägte "zivile Republik" zu verwandeln. Im Trubel der Stimmen, die nicht müde werden, den Sieg des Kapitalismus zu feiern, ist dies eine wichtige Analyse: Sie verdeutlicht, weshalb die Diktatur des Staatssozialismus nicht bestehen konnte, zeigt aber auch, dass die Krise des Kapitalismus noch vor uns liegt. Man sollte sich dieser Argumentation nicht verschließen. Walter Spielmann

Gorz, Andre: Und jetzt wohin? In Zusammenarbeit mit Otto KaIlscheuer u, Martin Jander. Berlin: Rotbuch-Verl., 1991.2155., DM 16,-/sFr 13,60/öS 72,50