Dass das Hochhalten der Arbeit ein sehr junges Phänomen ist, das mit der Neuzeit verbunden ist, und dass Arbeit etwa in der Antike einen ganz anderen Wert hatte, macht Manfred Füllsack in dem vorliegenden knapp gehaltenen (Lehr)Buch deutlich. Der Philosoph an der Universität Wien gibt eine Einführung in die Geschichte der Arbeit und ihre Karriere im Industriezeitalter; und er verweist auf ihre Verwerfungen im Zuge von Globalisierung, Automatisierung und Individualisierung. Gemessen an vorindustriellen Kulturen sind wir heute eine extreme Arbeitsgesellschaft – Füllsack erklärt dies am Phänomen, dass Arbeit bisher immer neue Arbeit nach sich gezogen hätte, was etwa am Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft abzulesen sei. Dennoch habe sich das durchschnittliche Erwerbsarbeitsvolumen seit den 1880er-Jahren, also der Frühphase der Industrialisierung, „um beinahe zwei Drittel“ verringert (S. 88). Und dies müsste noch nicht das Ende der Arbeitszeitverkürzung sein. Bereits in den 1930er-Jahren habe John Maynard Keynes in seinem berühmten Aufsatz über die „wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkelkinder“ von der Möglichkeit gesprochen, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft nur mehr drei Stunden am Tag arbeiten bräuchten. Und Keynes Kollege John Kenneth Galbraith hätte kurze Zeit später angesichts steigender Produktivitäts- und Wohlstandsraten bereits von der „Überflussgesellschaft“ gesprochen. Und doch sei kein Ende der Arbeit in Sicht.

 

Füllsack beschreibt in der Folge neue Formen der Arbeit – von der Individualisierung bis hin zur Prekarisierung, von der Ausdifferenzierung bis zur Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, das den Konkurrenzdruck in der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ bzw. des Auf-Sich-Aufmerksam-Machen-Müssens verschärft. Er meint, dass der herkömmliche Sozialstaat auf das Normalarbeitsverhältnis zugeschnitten gewesen sei und nun an seine Grenzen stoße. Es gibt auch Hinweise, dass das traditionelle Bild produktiver Arbeit „in der Vielfalt der ökologischen, kulturellen, sozialen und ökonomischen Perspektiven, die heute offen stünden, an Konsens verliere, und Stimmen an Bedeutung gewännen, die dafür plädieren, „den Produktivitätsbegriff zumindest partiell fallen zu lassen und bis zu einem gewissen Grad Tätigkeiten zu ermöglichen, die nicht im herkömmlichen Sinn nach ihrer Produktivität beurteilt werden“, was auf eine Entkoppelung von Arbeit und Einkommen hinauslaufen könnte (S. 105). Nicht gestellt wird im Buch jedoch die Verteilungsfrage infolge der Akkumulationsdynamik, die zu immer mehr Reichtum bei den einen und zu Knappheiten bei den anderen führt. Unhinterfragt bleibt somit auch die These, ob Arbeit in der Tat immer zu neuer Arbeit, Knappheit zu immer neuer Knappheit führen muss oder ob nicht ein Leben in Fülle mit weniger (Erwerbs)arbeit nicht bereits jetzt möglich wäre, was auch die vielen (bereits jetzt verrichteten) Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit (etwa in Familie, Haushalt und ehrenamtlichen Engagement) würdigen würde, was etwa in der feministischen Arbeitsforschung geschieht. H. H.

 

Füllsack, Manfred: Arbeit. Wien: Facultas, 2009. 118 S., € 10,20 [D], 10,50 [A], sFr 17,30

 

ISBN 978-3-8252-3235-1