Die heutigen Utopien bzw. Wünsche seien, so meint Dorothee Sölle, weitgehend eingeengt auf materialistische Details. Sölles generelle Utopie ist Gerechtigkeit, Gerechtigkeit als Synonym für Gott. Dabei bewegt sie sich in ihren Darstellungen zu Fragen der Asylantenproblematik. der Kultur und der Armut zwischen einer tristen Bewertung der aktuellen Gegebenheiten, ihrer umspannenden Utopie und der Notwendigkeit der kleinen Schritte zur Problemlösung.

Dies sei am Beispiel "Armut" demonstriert: Der relativ Arme sollte nicht als "Nicht-Kapitalist" definiert werden, wie Reagan in einer Rede dies tat, als er sie einfach als Nichtreiche bezeichnete. Im Gegenteil, in der biblischen Darstellung genießt der materiell Arme deutliche Vorteile gegenüber dem Begüterten, er ist nicht so vielen oberflächlichen Verstrickungen unterworfen. Hier begibt sich Dorothee Sölle auf eine Gratwanderung, da der Jahrhunderte währende Vertröstungsdiskurs der katholischen Amtskirche durchaus ähnlich lautet. Die Autorin plädiert letztlich für den freiwilligen materiellen Ausgleich; für schichten- und nationalitätenunabhängiges Recht auf uneingeschränkte Menschenwürde und ein auf Dauer gerichtetes Verhältnis zur Umwelt sowie verstärkte transzendente Orientierung.

S.Sch.

Sölle, Dorothee: Mutanfälle. Texte zum Umdenken. Hamburg: Hoffmann u. Campe 7993. 240 S., DM 33,-/sFr 2B,-/öS 257,40