Prominente Linke über gesellschaftliche Alternativen

“Im Westen wurde die Gerechtigkeit im Namen der Freiheit geopfert, im Osten die Freiheit im Namen der Gerechtigkeit. Diese gewaltsam getrennten Zwillinge müssen wieder zusammenwachsen”. (S.99) Damit formuliert Eduardo Galeano, einer der 20 in diesem Band zu Wort kommenden Intellektuellen aus Nord und Süd, den Versuch, neue linke Perspektiven zu finden, und fügt gleich ein drittes, die “Wiedergewinnung von Schönheit” hinzu: “Möglicherweise war Ethik noch nie so getrennt von Ästhetik wie heute.” (S. 99) Mit der pointierten Feststellung “Ich weigere mich, eine Ware zu sein. Und ich weigere mich zu akzeptieren, daß das, was keinen Preis hat, auch keinen Wert besitzt” (S. 100), verweist der lateinamerikanische Denker auf die ökonomische Verstümmelung des Menschen in der modernen Welt.

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg pflichtet ihm bei, wenn er gegen die “neue Beliebigkeit, in der wir schwimmen” (S. 125) angeht. Seine Hoffnung gilt der Lokalisierung als Pendant zur Globalisierung: “Der Nahbereich bleibt für jeden Menschen immer noch der Bereich, wo sich seine Verantwortlichkeit zeigt und seine Sittlichkeit entscheidet. Das nimmt uns kein Markt ab.” (S. 127) Die “zerstörte Öffentlichkeit” (S.66) macht sein Landsmann Jean Ziegler als Hauptproblem aus,setzt dem aber den “unzerstörbaren vehementen Anspruch auf Eigenbestimmung” entgegen, der sich auch in Zukunft seine Organisations- und Aktionsformen schaffen werde.

Das Zusammenführen von “Wissen und Weisheit” (S.82) und die Wiedergewinnung von “Ehrfurcht im Verhältnis zur Natur” (S.80) ist für Jose Lutzenberger Wesensvoraussetzung für eine ökologisch nachhaltige Entwicklung. Der polnische Marxist Adam Schaff hingegen setzt auf die neuen technologischen Revolutionen: “An statt des Mehrwertes wird ein Mehrprodukt existieren” (S.23). Aufgabe des Staates sei es. den gesellschaftlichen Reichtum an alle zu verteilen. Dies sieht auch der Konfliktforscher Johan Galtung so, wiewohl er die zunehmende Handlungsohnmacht der Staaten als Folge der Globalisierung herausstreicht. Auch die Zukunft der Linken in den USA wird angesprochen, so von den beiden schwarzen Bürgerrechtlerinnen Charlene Mitchell („Pluralismus ist mehr als die Toleranz von Ansichten”) und Angela Davis (“Wir alle müßten Feministinnen werden – Frauen und Männer”).

Die italienische Kommunistin Luciana Castellina läßt aufhorchen mit ihrer Kritik an der EU-Osterweiterung, die zu einem europäischen “Monster mit Kopf in Brüssel” führen werde, und stellt dem Netzwerke unterschiedlicher Länder, etwa das der Maghreb-Staaten, gegenüber. Selbstverständlich kommt auch der Realsozialismus der Sowjetunion und in den kommunistischen Ländern Osteuropas zur Sprache, ausdrücklich bejaht wird dieser – zumindest posthum jedoch in keinem der Interviews.

H.H.

Was  kommt von Links? Prominente Linke über gesellschaftliche Alternativen. Hrsg. 11. Jochen Reinert Wien: Promedia, 1998. 168S., DM 29,80/ sFr 2 7,50 / öS 218,-

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