Richard Wilkinson, Kate Pickett

The Inner Level

Ausgabe: 2020 | 4

Richard Wilkinson und Kate Pickett haben vor zehn Jahren eine umfangreiche Datensammlung vorgelegt, die zeigte, dass Gesellschaften dann besser funktionieren, wenn die wirtschaftliche Ungleichheit gering ist. In ihrem Buch Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind (2019) führten sie anhand von Beispielen aus, wie soziale und gesundheitliche Probleme zunehmen, wenn auch die Ungleichheit in Gesellschaften größer wird. In ihrer neuesten, leider immer noch nicht ins Deutsche übersetzten Gemeinschaftsarbeit The Inner Level, untersuchen sie die psychologischen Effekte und den sozialen Stress, unter denen Menschen leiden. Wieder stellen sie die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß dieser Probleme mit dem Niveau der sozioökonomischen Ungleichheit besteht.

Schüchternheit sei oft ein Zeichen dafür, dass sich Menschen verletzlich fühlen. Die Sorge, wie man von anderen gesehen wird, führt zu einem schrittweisen Rückzug aus sozialen Zusammenhängen. 60 Prozent der Heranwachsenden in den USA im Alter zwischen  13 und 18 Jahren wurden von ihren Eltern als „schüchtern“ beschrieben. Extremer als Schüchternheit sind medizinisch bestimmbare soziale Phobien, wenn Furcht und Angst dramatisch und unverhältnismäßig im Kontext eher alltäglicher Herausforderungen auftreten. In den USA nahm der Anteil der von diesen Phobien betroffenen Personen in den vergangenen 30 Jahren von zwei auf 12 Prozent der Bevölkerung zu. Wilkinson und Pickett weisen darauf hin, dass diese Zunahme von psychologischen Problemen parallel zu einer Zunahme des durchschnittlichen verfügbaren Einkommens stattfand. Ein höheres materielles Wohlbefinden hatte sich im Durchschnitt nicht in einer besseren psychischen Lebenssituation manifestiert.

Wilkinson und Pickett legen detailliert dar, dass Gesundheit wesentlich mit sozialen Kontakten zusammenhängt. Ist man in ein stabiles Netz an guten Beziehungen eingebunden, so reduziert dies die Anfälligkeit für Krankheiten. Auch das Gefühl von Stress nimmt ab, wenn es gute Freundinnen und Freunde gibt, mit denen persönliche Themen besprochen werden können. Ein nicht zu unterschätzender Faktor soziomedizinischer Prävention.

Psychische Erkrankungen korrelieren mit Einkommensungleichheit

Wenn aber Freundschaften und gute soziale Kontakte entscheidend für Gesundheit und Glück sind, dann lässt sich auch der Zusammenhang mit Phobien ergründen. Denn es zeigt sich, dass sozial übergreifende, gute Kontakte in Gesellschaften mit größeren Einkommensunterschieden weniger häufig sind. In einer Auswertung von Studien wird dargelegt, dass der Anteil der Menschen mit psychischen Erkrankungen mit der Einkommensungleichheit korreliert. An dieser Stelle seien kurz  zwei Punkte aus der Datenreihe erwähnt: In den USA liegt der Anteil der Menschen mit psychischen Erkrankungen bei über 25 Prozent, in den eher einkommensegalitären Staaten Japan oder Deutschland bei rund zehn Prozent. (vgl. S. 36)

Je hierarchischer eine Gesellschaft ist, desto mehr verbreitet ist auch die Idee, dass Menschen jeweils ein unterschiedlicher Wert zugeordnet werden kann. Und je öfter eine hierarchische Rangfolge von Menschen hergestellt wird, desto mehr Menschen sind verunsichert und haben ein mangelndes Selbstwertgefühl. Dies wiederum hat geringere (soziale) Mobilität zur Folge, was die bestehende Hierarchie wiederum stabilisiert.

In Bezugnahme auf Alex Wood, Psychologe an der University of Sterling, erklären Wilkinson und Pickett: „The effects of rank go beyond distress, depressive symptoms and even suicidal thoughts; income rank leaves a physical mark on our bodies as well. Wood‘s research team has shown that income rank trumps absolute income for predicting biological markers of disease such as levels of cholesterol, blood pressure, body fat and blood sugar control.“ (S. 51)

Auch die gegenteilige Reaktion kann beobachtet werden. Je ungleicher Gesellschaften sind, desto mehr narzisstische Verhaltensweisen treten an den Tag. Nehmen wir etwa das Beispiel der Selbstüberschätzung. 70 Prozent der schwedischen Bevölkerung bewerten ihr Autofahren als überdurchschnittlich gut – statistisch kann dieser Wert allerdings in keiner Weise bestätigt werden. In den ungleicheren USA sind es sogar 90 Prozent. Anhand weiterer Länder kann dieser Zusammenhang von Selbstüberschätzung und Ungleichheit tatsächlich bestätigt werden. (vgl. S. 63f.)

Wilkinson und Pickett zeigen auch, dass in ungleichen Gesellschaften Glücksspiel, Alkoholismus, Drogenmissbrauch und Medikamentenmissbrauch häufiger auftreten. Problematisches Verhalten beim Glücksspiel wird in eher egalitären Gesellschaften bei etwa einem Prozent der Bevölkerung festgestellt, in Staaten mit ungleichem Einkommen dagegen bei etwa drei Prozent. (vgl. S. 97)

Der Versuch, sich durch  gesteigerte Konsumation in eine bessere Situation zu bringen, korreliert ebenfalls mit der Ungleichheit in der Gesellschaft. Mit zunehmender Ungleichheit stieg in den USA auch die Verschuldung der Haushalte. (vgl. S. 109)

Ungleichheit wird ständig reproduziert

In dem Buch wird weiter argumentiert, dass sich die Organisation der Gesellschaft in sozialen Hierarchien mit geringer Mobilität selbst reproduziert. Es wird auf Studien verwiesen, wonach die Platzierung in der sozialen Hierarchie weniger Ausdruck der biologischen Voraussetzungen ist, als vielmehr Ausdruck dessen, an welcher Stelle der sozialen Hierarchie jemand in die Gesellschaft eintreten konnte. Das passiert über den ungleich verteilten Zugang zu Bildung genauso wie durch die kulturellen Signale, durch die Diskriminierung erfolgt.

Und damit schließt sich der Kreis. Ungleiche Gesellschaften machen krank. Und sie reproduzieren die Ungleichheit Generation für Generation neu.