Macht jenseits des Marktes

Weit über die Konzeption des Binnenmarktes hinausgehend, entwirft der Autor die Vision eines politisch geeinten Europas. Nichts weniger als die Erneuerung der Idee des Heiligen Römischen Reichs soll die bipolare Weltordnung ersetzen und Europa zu einer “Supermacht des Friedens” und einem “Leuchtturm der Freiheit” werden lassen. Es ist für den “Pan-Europäer” von Habsburg nicht nur Wunsch, sondern unabrückbares Ziel der europäischen Geschichte, wenn er dem wiedervereinigten Deutschland und einem freien Europa, welches sich vom Atlantik bis hin zu jenen Gebieten “des deutschen Ostens, die sich derzeit unter polnischer und sowjetischer Verwaltung befinden “, das Wort redet. Denn über kurz oder lang wird sich weder Österreich noch Polen oder Ungarn dem Sog des Wirtschaftsraums entziehen können. Da aber die Entwicklung in Jugoslawien seit jeher unkalkulierbar, der tschechische Staat unberechenbar und vor allem die marxistische Weltrevolution das erklärte Ziel Moskaus bleibt (1), bedarf es einer europolitischen Strategie und militärischer Macht. Mit geeinter Stimme könnte Europa gar “die Vereinten Nationen zur Ordnung rufen “. In unerschütterlichem Vertrauen auf den Zuwachs von Wohlstand und Wohlergehen, getragen von christlicher Tradition sollte Europa getrost auf die Partnerschaft mit Südafrika, Japan und den USA setzen, seine Beziehungen zu Südamerika intensivieren und vor allem die Hilfe für die Dritte Welt neu orientieren. Bisher oft nur “Unterstützung menschlicher Faulheit”, sollte eine differenzierte Betrachtungsweise darauf hinzielen, der europäischen Industrie neue Märkte zu erschließen. Eine geradezu hymnische Würdigung des politischen Genies und “Naturereignisses” F.J. Strauß und die harsche Kritik an “wirklichkeitsfremden Bürgerinitiativen” in Deutschland fügt sich lückenlos in dieses politische Konzept.  In diesem Umfeld kann der Vorschlag zur Straffung der Euro-Bürokratie, zur Aufwertung des Europäischen Parlaments und zur Einsetzung eines Präsidiums, aus dessen Kreis ein europäisches Staatsoberhaupt erkoren werden sollte, kaum noch positive Akzente setzen. Es sind nicht nur “wirklichkeitsfremde Bürgerinitiativen “, die sich dieser Vision entgegenstellen. Denn immer mehr Menschen erkennen, daß Macht und Wohlstand nicht ausreichen, um heute noch lebenswerte Bedingungen zu sichern, von denen wir sagen könnten, daß sie auch längerfristig Bestand hätten. Trotz allem ein wichtiges Buch, weil es entlarvt, in welche Richtung sich Europa nach Wunsch und Willen starker politischer Kräfte entwickeln sollte. Bleibt allenfalls nachzutragen, daß für ein neutrales Österreich in diesem Europa kein Platz wäre. Eine Darlegung christdemokratischer Positionen zum europäischen Integrationsprozeß bietet: Europa unsere Zukunft. Ein Traum wird Wirklichkeit. Hrsg. v. Werner Münch u. Günter Rinsche. Herford: Busse Seewald, 1989. 165 S.

Habsburg, Otto v.: Macht jenseits des Marktes. Europa 1992. Wien (u.a.): Amalthea-Verl., 1989. 251 S.

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