Lebensstile zwischen Multioptionalität und Knappheit

Die Lebensstilforschung hat sich in den letzten Jahren – angeregt durch Pierre Bourdieus Habitustheorie und v. a. Ulrich Becks Individualisierungstheorem – zu einer der interessantesten Forschungsgebiete entwickelt. So dürfte es auch kein Zufall sein, daß die Beiträge im vorliegenden Band von relativ jungen WissenschafterInnen stammen. Einerseits haben sie während der Hochblüte der Lebensstilforschung studiert, andererseits sind sie mit der Multioptionalität und dem Verlust industriemoderner Gewißheiten – dem Forschungsgegenstand ihrer Beiträge – aufgewachsen. Vielleicht mag dies auch mit ein Grund dafür sein, daß in den hier versammelten Texten eine „Lust an der Verunsicherung“, eine Neugier gegenüber dem, was noch nicht klar erkennbar ist, spürbar ist. Dieses „Prinzip Neugier“ (Klaus Ottomeyer) ist – nicht allein – in den Sozialwissenschaften Voraussetzung zur Erreichung neuer Ufer. Und neue Ufer bedeuten vorerst einmal auch Verlust an Sicherheit.

Anstoß zum vorliegenden Band war eine Tagung des Münsteraner Forschungskolloqiums „Gesellschaftstheorie und Zeitdiagnose“. Die einzelnen Beiträge entwickeln in ihrer gemeinsamen Fragestellung recht unterschiedliche Perspektiven, was den Band zu einem umfassenden Werk werden läßt, das auch Kontroversen nicht scheut.

So finden sich etwa auf die Frage, ob Individuen tatsächlich mehr Freiheiten haben als noch vor dreißig Jahren oder aber zunehmend von sozioökonomischen Bedingungen abhängig werden, durchaus unterschiedliche Antworten.

Die AutorInnen kommen immer wieder auf die Chancen von Veränderungen und den sich damit ergebenden Verunsicherungen zu sprechen. So sei exemplarisch der Theologe Michael Brinkschröder aus seinem aufschlußreichen Artikel „Schwule in der Erlebnisgesellschaft“ zitiert: „Die Erlebnisgesellschaft stellt für Schwule den Glücksfall einer außergewöhnlichen und instabilen Konstellation dar, die den Schwung erzeugt, der die politisch-emanzipatorischen Anstrengungen der Schwulenbewegung beflügelt und teilweise Türen öffnet, an die gar nicht geklopft wurde. Doch ist diese Konstellation zerbrechlich“ (S. 201). Andere soziale Bewegungen ließen sich ergänzend hinzufügen.

Überhaupt fällt auf, daß Subkulturen regelmäßig in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Sind es Kulturen, die in Zügen das vorwegnehmen, was auch der gesellschaftlichen Mitte als baldige Normalität bevorstehen könnte? I. B.

Verlust der Sicherheit? Lebensstile zwischen Multioptionalität und Knappheit. Hrsg. v.  Frank Hillebrandt … Opladen: Westdt. Verl., 1998. 245 S., DM 48,- / sFr 44,50 / öS 350,-

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