Frauen machen männerorientierte Arbeitsplätze menschlicher

Patricia Lunneborgs “feministische Studie” wackelt auf folgenden drei Beinen: der Literaturrecherche zum Thema, den Ansichten von über zweihundert zwischen 1985 und 1987 befragten Frauen und schließlich auf den Erfahrungen ihrer eigenen zwanzigjährigen Lehr- und Forschungstätigkeit als Psychologin. Die Autorin will die These belegen, dass Frauen aufgrund ihrer Sensibilität männerorientierte Arbeitsplätze menschlicher, weniger wettbewerbsorientiert und weniger hierarchisch machen. Frauen – so meint die Autorin – ersetzen den männlichen “Ethos des Erfolgsstrebens ” durch ihren “Ethos der Fürsorglichkeit”.

Über 200 Frauen aus zehn “typischen Männerberufen” – Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Ingenieurinnen, Landschaftsarchitektinnen, Börsenmaklerinnen, Abgeordnete des Bundesstaaten-Parlaments, Feuerwehrfrauen, Polizistinnen, Elektrikerinnen und Zimmerin/Tischlerinnen – wurden jeweils fünf Fragen zu ihrem Arbeitsfeld gestellt. Dabei verzichtet man bewusst auf Themen wie sexuelle Belästigung bzw. geschlechtsbedingte Diskriminierung: hier soll lediglich das Positive, z. B. die durch fürsorgliche Frauenhände geschaffene Atmosphäre dargestellt werden. Aus den Interviewausschnitten sprechen praktische, zupackende Frauen: “Wenn ich dadurch mehr erreichen kann, dass ich mich fraulich oder sexy zurechtmache, dann tue ich das”, erzählt eine 39jährige Landschaftsarchitektin, die zudem noch genau weiß, wann sie die Fachfrau herauskehrt und wann sie ihren Lippenstift auflegt.

Die Arbeitnehmerin als wandlungsfreudige und -fähige Schauspielerin, die auf der Bühne “Arbeitsplatz” agiert: Mutter, Kumpel, Schwester oder Vamp für die männlichen Kollegen. “Nehmt uns als Vorbilder für eine Arbeitswelt, die auf Dienstleistungen, Fürsorglichkeit … beruht.” – Damit endet diese “Studie”, die ihre Verfasserin als wichtigen Beitrag zum feministischen Diskurs wertet. Daten, die 1985-1987 erhoben wurden, sind veraltet; die zitierten Interviews sind jedoch eine Ansammlung von Trivialitäten und AIlgemeinplätzen – und diese veralten bekanntlich nicht. Diese Abhandlung im Kaffeekränzchen-Stil verzichtet gänzlich auf politische und ökonomische Überlegungen, umgeht großräumig Problemfelder und kann bestenfalls Briefkastentanten der Regenbogenpresse Material für ein beschauliches Plauderstündchen liefern.
C. R.

Lunneborg, Patricia: Frauen arbeiten anders. Frankfurt (u.e.): Campus, 1994.225 S. DM 40,-/sFr 34,-/ ÖS317

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