Die streng Gläubigen

Während die politische Debatte um den Islam sich meist um dessen Präsenz in Europa und deren geglaubte und tatsächliche Auswirkungen dreht, wird die Herkunft islamistischer Bewegungen und deren Konsequenzen für die islamischen Länder nur wenig thematisiert. Diese Lücke schließt Wilfried Buchta, der sich mit dem Zusammenbruch des Nahen und Mittleren Ostens und dem Aufstieg fundamentalistischer Strömungen beschäftigt.

Der Aufstieg des Islamismus in der Region ist zunächst Resultat einer gescheiterten panarabischen Politik, deren Nationalismus und Klientelismus eine verarmte Bevölkerung hinterließen. Dies stärkte Bewegungen wie die der Muslimbrüder, deren soziales Engagement einem traditionalistischen Islam zu neuer Bedeutung verhalf. Zudem wurde die Region ab den 1950er- Jahren durch die Interventionen von Großmächten permanent destabilisiert, die zudem meist scheiterten: „Ohne starke Anstöße von innen, ohne eine organisierte Massenbasis und ohne fest verwurzelte demokratische Partnerparteien sind alle Interventionen westlicher Staaten im Nahen Osten zum Scheitern verurteilt. Militärinterventionen westlicher Staaten können bestehende Übel nicht beseitigen, sondern nur verschlimmern.“ (S. 50f)

Die machtpolitischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden regionalen Hegemonen Saudi-Arabien und Iran tun ihr Übriges: Seit der islamischen Revolution im Iran weitet Teheran seine Einflussnahme auf schiitische Minderheiten in arabischen Nachbarländern aus, was vom wahabitischen Saudi-Arabien bekämpft wird. Die damit einhergehende Förderung wahabitischer islamistischer Bewegungen in der Region soll das revolutionär-islamistisches Potenzial im eigenen Land unter Kontrolle halten und die saudi-arabische Lesart des Islam verbreiten.

Sieht man von den aktuellen Kriegen in der Region ab, sind auch andere Entwicklungen in bislang stabilen Ländern wie der Türkei, Ägypten und Tunesien wenig ermutigend. Bislang konnte sich nirgendwo eine Demokratie längerfristig konsolidieren. Ist der Islam der Grund dafür?

Wilfried Buchta verweist auf die vielen Spielarten des Islam und die Tradition des einst toleranten und multi-religiösen Orients. Jedoch würden in fast allen genannten Staaten die kulturell komplexeren Varianten des Islams zurückgedrängt: „Vielerorts weichen sie einem weitgehend uninformierten, spröden und letztlich ideologisch verhärteten Islamverständnis, wie es von Saudi-Arabien und salafistisch-dschihadistischen Strömungen propagiert wird. Legt man nur diese islamistischen Ideologievarianten zugrunde, die ganz auf Ausgrenzung und Abgrenzung setzen, muss die Frage, ob der Islam ein Feind der westlichen Demokratie und Moderne ist, mit einem klaren Ja beantwortet werden“ (S. 159f.).

Das Buch schließt mit einem hypothetischen Ausblick auf das Jahr 2026, in dem Buchta ein äußerst pessimistisches Bild für die Region und Europa zeichnet: eine im Krieg versunkene Region, im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran aufgerieben, mit einer Präsidialdiktatur in der Türkei und einem zunehmend autoritär regierten Europa, welches unter islamistischen Terroranschlägen leidet. Das kann man so sehen, muss man aber nicht – die Geschichte ist voll von unvorhergesehenen Wendungen. Birgit Bathic-Kunrath

Bei Amazon kaufenBuchta, Wilfried: Die streng Gläubigen. Fundamentalismus und die Zukunft der islamischen Welt. Berlin: Hanser, 2016. 240 S., € 20 [D], € 20,60 [A] ; ISBN 978-3-446-25293-6

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